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klika Laudato si’ betont, ohne physische Nähe nicht geschehen kann. Jede
kleinste ethische Geste besteht in einem solchen BerĂĽhren und BerĂĽhrt-
Werden, dem letztendlich eine Mystik des Alltags entspricht.
Man könnte sich jedoch fragen, was es bedeuten kann, dass inmitten
der Pandemie die Hände zum Hauptsymbol der Ansteckung geworden
sind. Wie beim Reinheitsgebot einer säkularen Liturgie ist man dazu ange-
halten, sich immer wieder regelgerecht die Hände zu waschen, um eine
potenzielle Negativität, die sie übertragen könnten, außer Kraft zu setzen.
Wir dürfen die anderen nicht berühren, nicht einmal zärtlich. Der evange-
lische Ausdruck Jesu „Noli me tangere“ (Joh 20,17) verwirklicht sich als
Zeichen einer verbotenen Nähe, die uns gebietet, einander fern zu bleiben.
Kann das Abstandhalten eine andere Art der Nähe verstärken? An die-
sem Punkt möchte ich zwei Elemente ins Zentrum rücken, welche diese
Frage kurz zu beantworten versuchen.
Wenn das Profil unseres Gesichtes durch die Schutzmasken unscharf
bzw. fast unkenntlich wird, intensiviert sich stattdessen die Sprachfähig-
keit des Blickes. Wenn die Hände den Anderen nicht erreichen dürfen,
dĂĽrfen es allerdings noch die Augen. Wenn man in der Zeit der Pandemie
einer anderen Person begegnet und von ihr Abstand hält, kann das „Sich-
in-die-Augen-Schauen“ andere zwischenmenschliche Kontakte eröffnen.
Wie Pierangelo Sequeri schreibt, wird diese Erfahrung eindrĂĽcklich in den
Worten einer Frau erkennbar, die diese im Moment ihrer Entlassung an
die Mediziner*innen und Pfleger*innen eines Krankenhauses richtete:
„Sollte ich euch einmal wiedertreffen, werde ich mich nicht exakt an eure
Gesichter erinnern können, aber ich werde euch ganz eindeutig an euren
Augen wiedererkennen.“15 Auch auf Seiten des Krankenhauspersonals, das
in die schwierige Behandlung der Covid-Intensivpatient*innen involviert
war, ist diese neue Intensität der Augen herauszulesen:
Die ganze Person des in schwerer Atemnot Erkrankten versammelt
sich regelrecht in seinen Augen: Er drückt damit – mehr noch als ein
enormes physisches Leiden – das Unbehagen der Einsamkeit und Ver-
lassenheit aus, das Erflehen einer Nähe. Alles, was dieser Mensch ist,
kommt in diesem Moment in seinen Augen zum Ausdruck.16
15 Sequeri, Der Blick und die Maske.
16 Sequeri, Der Blick und die Maske.
Die Zärtlichkeit am Ende? Apokalyptische Gefühle in der Zeit der Unberührbarkeit
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik