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Hier taucht eine unerwartete Dringlichkeit des Blickes auf, der zu einer
Art „Knotenpunkt“ menschlicher Beziehungen geworden ist, da ein huma-
ner Blick das Leben – und selbst den Tod – zu verwandeln vermag. Manch-
mal war der Blick hinter der Maske einer Ärztin, eines Arztes oder einer
Krankenschwester der allerletzte zärtliche Blick, in dessen abgründiger In-
nigkeit sich ein ganzes Leben kurz vor seinem Tod widerspiegelte und re-
kapitulierte.
Die moderne und postmoderne Stadt hat, wie Simmel zeigt, zuneh-
mend nicht-empathische und unbekĂĽmmerte Blicke erzeugt, die dazu ten-
dieren, den Blicken des Anderen auszuweichen. Heute scheint es immer
deutlicher, dass wir fast gezwungen sind, unser Dasein auf die Augen hin
zu konzentrieren, um kommunikative bzw. menschliche Wesen zu blei-
ben.
Hier kommt das zweite Element ins Spiel, das meines Erachtens heute
fast zum geeignetsten „Ort der Zärtlichkeit“ geworden ist, nämlich die
Sprache. Die Pandemie hat unsere körperlichen Begegnungen verdunsten
lassen, nicht jedoch die Wirksamkeit des Sprechens. Hat nicht unser
sprachliches Wesen das grundsätzliche und nicht ersetzbare Potential, un-
ser Zusammenleben zu gestalten, das Leben zu verwandeln, Beziehungen
aufzubauen, das Leiden zu verarbeiten? Ist die Sprache nicht jene zweite
Haut, die in der Lage ist, unsere Mitwelt erst zu ermöglichen und zu hu-
manisieren (oder, im Gegenteil, zu zerstören)? Während des Lockdowns
der Corona-Krise ist uns fast nur die Sprache geblieben, um die Unmittel-
barkeit unserer Beziehungen lebendig zu halten, um ihnen sogar eine kör-
perliche Präsenz zu verleihen. Wenn die Gesichter und die Oberkörper in
unseren Videokonferenzen eine Art der gespenstischen Gegenwart darstel-
len, haben unsere Stimme und unsere Gespräche durch die verschiedens-
ten Vermittlungsformen eine gewisse Wirksamkeit bewahrt.
Stimme und Sprache haben sich in der Körperlosigkeit ihrer geheimnis-
vollen Natur in all ihrer unausweichlichen anthropogenen Dimension of-
fenbart, die das Humanum zärtlich zu pflegen vermögen. Nicht zuletzt hat
sich die Sprache in der Zeit des fehlenden Kontakts in ein empfängliches
Gewebe transformiert, das die Passionsgeschichte, den physischen
Schmerz, die Ängste und die widersprüchlichen Gefühle, die mit der un-
heimlichen Präsenz des Virus verbunden waren und noch sind, in eine ge-
teilte heilsame Erzählung verwandelt. Denn ohne die Symbolisierungspro-
zesse, die nur durch die Sprache in all ihren Formen geschehen können,
bleiben wir dem Abgrund der Sinnlosigkeit und des Unheimlichen völlig
ausgesetzt, vor dem keine Maske uns retten kann.
Das Immaterielle des Blickes und der Sprache, wie alle absoluten Di-
mensionen des menschlichen Lebens, bringen natĂĽrlich nicht nur ein hu-
Isabella Guanzini
268
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik