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len, und in weiterer Folge Existenzängste; das Verbot des Treffens naheste-
hender Menschen, die in einem anderen Land leben, und damit verbunde-
ne Einsamkeit; das Verbot, den wöchentlichen Sportkurs zu besuchen,
und eine damit einhergehende soziale Isolation als Alleinlebende/r; die
Unmöglichkeit, in die Kirche gehen zu können, und der dadurch erlittene
Verlust eines wichtigen spirituellen Rituals im Leben. Selbstverständlich-
keiten des Alltags vor der Krise brechen plötzlich weg und legen die
menschliche Vulnerabilität in diversen Facetten offen. Menschen, die sich
stets in vulnerablen Situationen befinden, etwa aufgrund einer chroni-
schen Erkrankung und/oder wegen ihres höheren Alters, sind besonders
betroffen und ihre ohnehin schon bestehende Vulnerabilität wird noch
verstärkt.
Im vorliegenden Beitrag soll es deshalb einerseits darum gehen, den
Blick auf eine besonders vulnerable Gruppe in der Pandemie zu lenken,
nämlich Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen, und andererseits
soll auch gezeigt werden, dass das schrittweise wirtschaftliche und gesell-
schaftliche Wiederhochfahren eines Landes kein Widerspruch zum Schutz
der vulnerablen Gruppen ist. Im Gegenteil: Um nicht noch mehr Vulnera-
bilität aufgrund von Arbeitslosigkeit und Existenzgefährdung hervorzuru-
fen, ist es sogar geboten, die vulnerablen Gruppen gesondert in den Blick
zu nehmen und ihnen besondere Betreuung und Fürsorge zu gewährleis-
ten. Wie an den Beispielen oben gezeigt wurde, entsteht Vulnerabilität
nicht allein aufgrund von Krankheit, sondern kann sich auch in existenzi-
eller, ökonomischer, sozialer und spiritueller Hinsicht äußern. Es gilt,
Menschen, die nicht gesundheitlich gefährdet sind, wieder ein gutes Leben
zu ermöglichen (Nussbaum 1999), indem sie wieder in die Arbeit gehen
dürfen, Freunde und Familie treffen, ihren Sportverein oder den Gottes-
dienst besuchen können.
Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen in der Krise
Wenn im Folgenden Menschen mit Demenz in ihrer Vulnerabilität im Fo-
kus stehen, ist es erforderlich, auch stets ihre Angehörigen in den Blick zu
nehmen. Denn sie sind es, die diese demenziellen Persönlichkeitsverände-
rungen der primär Betroffenen am meisten miterleben. Pflegende Angehö-
rige sind deshalb sekundär betroffen (Gräßel/Niefanger 2012).
Menschen mit Demenz sind in unserer Gesellschaft schon grundsätzlich
eine vulnerable Gruppe. Sie fallen auf durch ihre Langsamkeit, ihre Ver-
gesslichkeit und ihre Orientierungslosigkeit in Bezug auf Ort und Zeit. In
der Schnelllebigkeit, der sich unsere westliche Gesellschaft zum Großteil
2.
Martina Schmidhuber
274
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik