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verschrieben hat, haben sie nur am Rande Platz. Das Plädoyer Reimer Gro-
nemeyers (2013), sie in die Mitte der Gesellschaft zu holen, scheint kaum
durchführbar, wenngleich es auch von einigen Seiten Bemühungen gibt,
dies umzusetzen (siehe z.
B. Österreichische Demenzstrategie, www.demen
zstrategie.at).
Die Vulnerabilität von Menschen mit Demenz zeigt sich auf verschiede-
nen Ebenen. Allein schon die Diagnose ist eine emotionale Herausforde-
rung. Es kann Menschen mit Demenz sehr belasten, wenn sie im frühen
Stadium der Demenz selbst merken, dass ihre kognitiven Leistungen stark
abnehmen. Viele versuchen dies vor ihren Angehörigen zu kaschieren und
sind oft geschickt darin, ihre Vergesslichkeit mit Witzen zu überspielen.
Wenn es dann schließlich doch zum Arztbesuch kommt, was häufig von
den Angehörigen initiiert wird, ist es für viele Betroffene dennoch schwie-
rig, die Diagnose zu hören. Selbst wenn sie schon damit gerechnet haben,
wird die ärztliche Diagnose, tatsächlich an einer Form der Demenz er-
krankt zu sein, für viele als Schock empfunden. Auch die Angehörigen
sind häufig überfordert, wissen möglicherweise nicht viel über Demenzen
und müssen sich auch erst damit zurechtfinden und auseinandersetzen
(Schmidhuber/Gräßel 2018).
Vulnerabel sind Menschen mit Demenz auch deshalb, weil sie nach der
Diagnose mit einer Stigmatisierung rechnen müssen. Sie werden mögli-
cherweise von ihrem Umfeld nicht mehr ernst genommen, paternalisiert
und infantilisiert (Schweda/Jongsma 2018). Dass sie jedoch noch lange
ihre Wünsche und Bedürfnisse trotz Demenz äußern können und wollen,
wird dabei übersehen. Damit sinkt ihre Lebensqualität, sie fühlen sich un-
verstanden, können dies aber möglicherweise nicht mehr gut verbalisieren
und werden deshalb aggressiv – man spricht in diesem Zusammenhang
von „herausforderndem Verhalten“. Diese Aggression spüren wiederum
die Angehörigen, was sie verständlicherweise überfordern kann. Selbsthil-
fegruppen für pflegende Angehörige und auch Freizeitaktivitätsgruppen,
in denen sie die Möglichkeit haben, abzuschalten und für sich selbst etwas
Gutes zu tun, sind deshalb ein wichtiger Bestandteil für ihre Lebensquali-
tät, da sich ihr Alltag vor allem um die betreuungsbedürftige Person dreht
(Voß 2015).
Bei einer Demenz kommen im Krankheitsverlauf häufig auch psychi-
atrische Begleitsymptome dazu. So fühlen sich die betroffenen Menschen
ausgerechnet von jenen Personen, die sie betreuen und pflegen, betrogen
oder bestohlen. Das ist besonders schmerzhaft für die Angehörigen, aber
auch für professionell Pflegende in einem Heim nicht einfach. Wenn nun
aufgrund der Corona-Krise Menschen mit Demenz in ihren Aktivitäten im
Heim stärker eingeschränkt werden, kann dies aufgrund der psychiatrisch-
Vulnerabilität in der Krise
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik