Page - 278 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
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In Schweden wurden bereits am Anfang der Pandemie ältere Menschen
und Menschen mit chronischen Erkrankungen ersucht, zu Hause zu blei-
ben, damit das „normale“ Leben für die meisten schwedischen BürgerIn-
nen weitergehen konnte. Wenn dies auch so in Österreich gehandhabt
wird, wäre es einerseits möglich, dass die meisten Menschen wieder ihrem
Beruf nachgehen können, normaler Schulbetrieb wieder umsetzbar ist und
die Wirtschaft angekurbelt wird – wenn auch höchstwahrscheinlich sehr
langsam, wie ExpertInnen prognostizieren. Andererseits wären die vul-
nerablen Personengruppen trotzdem geschützt, wenn sie sich dessen be-
wusst sind, dass sie gefährdet sind und im Sinne ihrer Selbstverantwortung
agieren und Kontakte meiden. Das muss freilich auch der/die Arbeitgebe-
rIn unterstützen und z.
B. weiterhin Home-Office zugestehen, wenn es et-
wa um jüngere Menschen mit Diabetes geht, die mitten im Beruf stehen.
Zu bedenken ist allerdings, dass insbesondere ältere Menschen an Ein-
samkeit leiden können, vor allem wenn sie alleine wohnen. Auch Einsam-
keit macht krank, wie der Psychiater Manfred Spitzer konstatiert (2018).
Hier kann tatsächlich Digitalisierung fürs Erste (!) weiterhelfen: das Sky-
pen mit den Enkelkindern, das Schreiben von SMS mit Freunden und Ver-
wandten – jene, die dies aufgrund der weiten Entfernung ihrer Familien
nicht ohnehin schon so betrieben haben, können diese Variante in Zeiten
wie diesen nutzen. Dass Besuche in Seniorenheimen wieder möglich sind,
wenn auch mit einer Glasscheibe als Schutz zwischen den Personen, ist
auch ein Schritt in die richtige Richtung.
Zur Notwendigkeit spezieller Angebote für vulnerable Gruppen in der Krise
Menschen mit Demenz, die diese herausfordernde Situation aufgrund
ihrer abnehmenden kognitiven Fähigkeiten gar nicht mehr verstehen kön-
nen, haben es hier freilich besonders schwer. Das Gefühl, dass etwas nicht
stimmt, gleichzeitig das Nicht-verstehen-Können, kann Menschen mit De-
menz noch verwirrter und auch depressiv werden lassen und ebenso her-
ausforderndes Verhalten in Form von Aggressionen hervorrufen. Eine
noch wichtigere Rolle als im „Normalzustand“ spielen nun die Pflegen-
den. Die Tatsache, dass pflegende Angehörige und professionell Pflegende
nun noch stärker gefordert sind, als dies in ihrem Alltag bisher ohnehin
schon der Fall war, führt unserer Gesellschaft ungerechte Strukturen deut-
licher denn je vor Augen. Jene, die ohnehin schon unter schwierigen Be-
dingungen ihren Alltag meistern müssen, trifft die Krise mit voller Wucht.
Sie sind es, die sich jetzt besonders um Menschen mit Demenz kümmern
und selbst mit ihren Bedürfnissen auf der Strecke bleiben. Deshalb kann
4.
Martina Schmidhuber
278
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik