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Aus den Praxisberichten kristallisieren sich konkret folgende Faktoren
heraus, die für die Möglichkeit von Seelsorge in der Krisenzeit entschei-
dend waren und wohl auch für die Zukunft von Bedeutung sind:
• Besucher*in oder Mitarbeiter*in: Die Frage der Zugehörigkeit zum Perso-
nalstand, also Seelsorger*innen als Besucher*innen oder Mitarbeiter*in-
nen, hatte erheblichen Einfluss darauf, wie das Arbeitsfeld der Seelsor-
ge definiert wurde und wie weit vorübergehende Verbote den Berufs-
stand trafen. Gegenteilige Beispiele lassen die Vermutung zu, dass noch
andere, viel schwerer fassbare Faktoren, die außerhalb des Einflussbe-
reiches der Seelsorge liegen, das Zulassen von Seelsorge mitbestimmt
haben. Eine Einheitlichkeit lässt sich nicht erkennen.
• Selbstverständnis des/der Seelsorger*in: Einige sehen im eigenen Rollen-
verständnis bzw. in dem Selbstbewusstsein, als Seelsorger*in im Or-
chester der therapeutischen Berufe tätig zu sein, ein bedeutendes Krite-
rium, wie sehr Seelsorge in Krisenzeiten ins System Krankenhaus einge-
bunden wird. Aber natürlich wird die Rolle auch durch Zuschreibun-
gen von außen bestimmt. Dies führt zur Frage, welche Erfahrungen
mit Seelsorge es in einer Institution bereits gibt und welche Bilder von
und Erwartungen an Seelsorge die jeweiligen Entscheidungsträger ha-
ben.
• Erfahrungen von Seelsorge: Die von Mitarbeiter*innen im KH über Jahre
wahrgenommene Verlässlichkeit und Relevanz der Seelsorge kann ein
Vorteil sein, wenn die Leitung darüber nachdenkt, wer in schwierigen
Zeiten Zugang haben darf. Dabei ist die Bereitschaft, sich auf die gefor-
derten Schutzmaßnahmen (Hygieneschulung, Schutzausrüstung etc.)
einzulassen, ein wesentlicher Faktor, um Seelsorge zu ermöglichen.
• Seelsorge als umfassendes Angebot: Inwiefern haben Menschen und die
Krankenhausleitung wahrgenommen, dass Seelsorge sich über das Kon-
fessionell-Religiöse hinaus versteht und als kompetente Partnerin in
Lebens- und Glaubensfragen sowie unterstützend auch für Mitarbei-
ter*innen wahrgenommen wird?14 Je nach Wahrnehmung wurde Seel-
sorge zugelassen oder nicht.
• Kontakt zu Entscheidungsträger*innen: Ein über Jahre forcierter Kontakt
mit Stationsleitungen und Entscheidungsträgern hat sich in der Krisen-
zeit bewährt, wie P2 in ihrem Praxisbericht schreibt: „Meine seelsorgli-
14 Siehe dazu die entsprechende These im Praxisbericht P6: „Eine Seelsorge, die sich
in der Ausrichtung, in der Haltung, der Sprache und im Angebot nur auf Konfes-
sionell-Religiöses fokussiert, wird nur noch bei gewünschter Sakramentenspen-
dung angefragt – sonst aber kaum oder gar nicht.“
Was willst Du, dass ich Dir tue? (Lk 18,41)
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik