Page - 292 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
Image of the Page - 292 -
Text of the Page - 292 -
kannten, Konzepte, die in langen Prozessen entwickelt wurden, und Ritua-
le, die in modifizierter Form über Jahrhunderte gewachsen und praktiziert
wurden – all das war, mit Ausnahme einzelner Sakramentenspendungen,
von einem Tag auf den anderen nicht mehr möglich. Mit dem Wegfall all
dieser Handlungsoptionen schien die Existenzberechtigung der Seelsorge
selbst in Frage gestellt zu werden. Sie musste sich der Anfrage aussetzen,
wie systemrelevant sie in einem modernen Krankenhaus im Kontext einer
pandemischen Krisensituation ist. Zugespitzt heißt das: Gelingt es der
KHS nicht, sich neue Handlungsräume zu erschließen und ihr „Wozu“
neu zu überdenken, bleibt ihr nur die Alternative, „das Licht auszuma-
chen“ und schlicht und einfach nach Hause zu gehen.
Entschleunigung als Chance zur Standortbestimmung
Dem oben bereits eingeführten Begriff „Aufhören“ können im Deutschen
wenigstens zwei Bedeutungen zugeordnet werden: zum einen „etwas been-
den“, zum anderen „aufhorchen“, genau hinhören. Dieses Innehalten, um
die momentane Situation genauer wahrnehmen und reflektieren zu kön-
nen, ist der Zustand, in den die KHS angesichts der Pandemiesituation
versetzt worden ist. Das heißt aber auch, sich die Offenheit zuzugestehen,
sich von dem frei zu machen, was über weite Strecken den herkömmli-
chen Modus der KHS bestimmt hat, wie z. B. die systematische, aufsuchen-
de Seelsorge auf den Stationen oder die Spendung der Sakramente. Kann
es in dieser Weise gelingen, die KHS „neu zu erfinden“? In diesem Fall
dürfte es nicht einfach darum gehen, Altes durch Neues unkritisch zu er-
setzen, sondern vielmehr darum, aus einer supervisorischen Perspektive
heraus für die Gegebenheiten und die Möglichkeiten seelsorglichen Han-
delns im Sinne eines Reframings neue Sinnzusammenhänge zu erschlie-
ßen und diese zu gestalten.
Katholische Kolleginnen und Kollegen aus der österreichischen KHS
haben uns in vielen Telefonaten wie auch in Form der vorliegenden Pra-
xisberichte mitgeteilt, was sie Neues oder einfach nur Anderes gemacht ha-
ben. Die Evidenz dieses Befundes sollte sich in weiterer Folge befragen las-
sen dürfen, welche ableitbaren Kriterien für die zukünftige Arbeit der
KHS formuliert werden können.
3.1
Maria Berghofer, Sabine Petritsch, Detlef Schwarz
292
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
back to the
book Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik