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Neue Wege
Wie schon gesagt, wird es wohl nicht darum gehen, Altes durch Neues zu
ersetzen. Neues entsteht bereits, wenn das Herkömmliche aus einem ande-
ren Impetus heraus gestaltet wird.16 Dabei kommt es bereits allein dadurch
zu Akzentverschiebungen, dass man überkommene Praktiken bewusster
und reflektierter zum Einsatz bringt und nicht einer bloßen programmati-
schen Gewohnheit folgt.
Nur zwischen den Stühlen lässt es sich aufrecht stehen
Es wurde bereits beschrieben, dass seelsorgliches Handeln im Krankenhaus
sich wesentlich in einem „Dazwischen“ vollzieht. Im Raum des Dazwi-
schen werden einerseits die Grenzen spürbar und die Handlungsspielräu-
me sind beschränkt. Grenzen geben andererseits aber Kontur und machen
die bestehenden Freiräume umso sichtbarer. So mag es darum gehen, die
(neuen) Handlungsspielräume „zwischen den Stühlen“ zu sehen und ge-
stalterisch tätig zu werden.
Es ist eine systemische Realität, dass ein(e) Krankenhausseelsorger*in
sich in einem Spannungsfeld verschiedener Aufträge und unterschiedli-
cher Rollenerwartungen befindet. Die Anstellung und die damit verbun-
dene Dienstverpflichtung besteht meist gegenüber der Institution Kirche.
Das konkrete Arbeitsfeld befindet sich dagegen innerhalb des multiprofes-
sionell organisierten Systems Krankenhaus, in dem es eigene Regeln und
spezifische Anforderungen gibt. All dies steht in enger Beziehung zu dem
jeweiligen religiös-spirituell motivierten Sendungsbewusstsein im Geiste
Jesu, das eng mit der persönlichen Berufung der betreffenden Person ver-
bunden ist. Und schließlich gibt es die ganz persönlichen Anforderungen
und „Aufträge“, die z.
B. durch die eigenen Befindlichkeiten, Ängste und
Grenzen definiert werden, oder auch durch die Verantwortung, die man
anderen Familienmitgliedern gegenüber empfindet. Diese Ansprüche,
Aufträge und Rollenerwartungen sowie die Sorge um die eigene Psychohy-
giene stehen angesichts der aktuellen Pandemiesituation allzu oft im Wi-
3.2
3.2.1
16 P8 (leitet ein KHS-Team an einem Uniklinikum) berichtete in Bezug auf den Co-
vid-Bereich von einem umfassenden Zutrittsverbot für die Krankenhausseelsor-
ger*innen am Beginn der Pandemiesituation. Zur Spendung des Sterbesegens
wurde die Lösung gefunden, dass stationseigene freiwillige Pflegekräfte dazu an-
geleitet und ermutigt wurden, eine kompakte Variante des Sterbesegens zu spen-
den. Was willst Du, dass ich Dir tue? (Lk 18,41)
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik