Page - 301 - in Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
Image of the Page - 301 -
Text of the Page - 301 -
Zwei davon sind im Besonderen berührt: „Seelsorge zwischen Kirche
und Krankenhaus“ und „Seelsorge zwischen gesicherter Rechtsstellung
und struktureller Bedeutungslosigkeit“3. Krankenhausseelsorge bezieht
ihre Identität sowohl von der Kirche als auch aus dem Krankenhaus; infol-
gedessen hat sie sich mit zwei sehr unterschiedlichen Erwartungshorizon-
ten auseinanderzusetzen. Und sie verfĂĽgt darĂĽber hinaus ĂĽber eine gesi-
cherte Rechtsstellung. Tatsächlich scheint sie aber in der aktuellen Lage
kaum Bedeutung zu haben, insofern die personale Präsenz am Kranken-
bett zugunsten anderer distanzierterer Kontaktmöglichkeiten (z.  B. telefo-
nischer Seelsorge) verzichtbar erscheint.
Nachdem „es eine wichtige Aufgabe derer [ist], die diese Arbeit tun, die
Spannungen und Ambivalenzen, die sich daraus ergeben, auszuhalten und
kreativ fruchtbar zu machen statt sie einseitig aufzulösen“4, muss das Be-
suchsverbot hinterfragt und auf mögliche Lockerungen hin geprüft wer-
den. Dieses Vorhaben stellt freilich eine Gratwanderung dar: Systemsensi-
bilität und das selbstbewusste Einbringen der eigenen Professionalität sind
in Einklang zu bringen. (In den Alltag ĂĽbersetzt: Zur medizinischen Be-
wältigung der Krise wurde die gesamte Klinikorganisation verändert,
Hygiene- und Behandlungskonzepte mussten erarbeitet werden, ständig
änderten sich Leitfäden und Richtlinien oder wurden neu erlassen, die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren entsprechend verunsichert, Ab-
läufe in Medizin und Pflege mussten neu aufeinander abgestimmt werden
u.v.m. In dieser Situation galt es, bestmöglich, mit aller Kraft und allen
Möglichkeiten, aber auch mit aller Sensibilität und Behutsamkeit sowie
Umsicht den seelsorglichen Dienst anzubieten und gegebenenfalls zu voll-
ziehen.)
„Wir wollen nicht unmenschlich sein. Besuche im Non-Covid-Bereich sind
möglich.“
Mit Blick auf die RĂĽckmeldung des Pflegepersonals und auf den unersetz-
baren Beitrag der Seelsorge im Kontext der Begleitung von kranken und
sterbenden Menschen wurde eine Woche später eine neuerliche Anfrage
beim Ärztlichen Direktor vorgenommen. „Wenn Sie es stemmen können,
dann fĂĽhren Sie Besuche im Non-Covid-Bereich durch. Wir wollen trotz
allem nicht unmenschlich sein“, so dessen Fazit nach Bewertung der Lage.
2.
3 Vgl. Klessmann, Einleitung: Seelsorge in der Institution „Krankenhaus“, 15–16.
4 Klessmann, Einleitung: Seelsorge in der Institution „Krankenhaus“, 14.
„Unsere täglichen Besuche gib uns heute …“ Krankenhausseelsorge und Besuchsverbot
301
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
back to the
book Die Corona-Pandemie - Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise"
Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik