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Die Geschichte von Frau B. zeigt exemplarisch die Wichtigkeit und die
positiven Effekte der Gewährung des persönlichen Zugangs zu Betroffe-
nen auf:
Frau B. ist 73 Jahre alt, chronisch herzkrank und mir als Seelsorger von frĂĽ-
heren Krankenhausaufenthalten bekannt. Sie musste nun doch wieder ins
Krankenhaus gebracht werden. Eigentlich sollte ihr das erspart bleiben. Ihre
prekäre körperliche Verfassung ließ der Hausärztin wohl keine andere Wahl.
Der Preis: die Trennung von der geliebten Familie. Und nun? Besuchsverbot.
Die Patientin selbst ist zu müde zum Telefonieren. Der Ausweg? „Könnte
nicht die Seelsorge einspringen?!“, fragt die Tochter an. Gesagt, getan. Täg-
lich. Es verschärft sich zunehmend der Eindruck, was die Patientin selbst
klar in Worte fasst: „Ich möchte meine Kräfte schweben lassen. Ich kann
nicht mehr, ich will sterben. Sagen Sie meiner Familie, dass ich sie lieb ha-
be.“ Nach jedem Besuch rufe ich die Tochter an: Ich erzähle von meinen Ein-
drücken. Sie hört. Ich richte Grüße aus und übermittle Botschaften der Mut-
ter. Sie schweigt. Sie ringt mit den Tränen. „Ja, ich spüre es auch, meine
Mutter wird das nicht mehr ĂĽberleben. Sie darf gehen. Und wenn es soweit
ist, dann dürfen wir auch zu ihr, hat die Ärztin versprochen.“ Am Ende ei-
nes jeden Telefonats: Dankbarkeit, dass sie wenigstens ĂĽber die Seelsorge
ihrer Mutter nahe sein kann. SchlieĂźlich arrangiere ich ein Telefonat zwi-
schen Mutter und Tochter. Ich wähle, gebe der Patientin das Telefon, ein
freudiges „Hallo, wie geht’s dir?“ Die Tochter fällt in einen Redefluss, spricht
unentwegt. So viel hat sie ihr noch zu sagen. „Wir passen auf Vati auf.
Mach dir keine Sorgen, du darfst loslassen!“ – und anderes mehr. Die Pati-
entin hört zu, ein schwaches „Ja!“ als Antwort, dann schläft sie ein. Die
Tochter merkt es nicht. Redet weiter. Erst als ich das Telefon nehme und ihr
das sage, bricht ihr Reden ab. Was bleibt: „Schön, dass ich meine Mutter
noch einmal gehört habe! Danke!“ – Frau B. stirbt eine Woche später. Ihre
Tochter erhält eine Ausnahmegenehmigung und darf die letzten beiden Tage
ganztags bei ihr sein, Nächtigung inklusive. Bei meinem Besuch eine Stunde
vor dem Tod der Patientin bedankt sich die Tochter nochmals fĂĽr meine Be-
suche und die Telefonate. Es sei so wichtig für sie gewesen, unabhängig von
ärztlicher Auskunft zu erfahren, wie es ihrer Mutter wirklich geht, wie sie in
der persönlichen Begegnung erlebt wird.
Eine skizzenhafte Analyse des Begleitprozesses verdeutlicht die Folgen des
Besuchsverbots für Patientin und Angehörige, und zeigt zugleich auf, was
Seelsorge als Stellvertretung aufzufangen vermag. Frau B. ist durch den
Krankenhausaufenthalt sozial isoliert, ihr fehlen in den letzten Lebensta-
gen, in der Phase ihres Loslassens, die Vertrautheit und Geborgenheit der
häuslichen Umgebung. Verschärft wird diese Entfremdung durch das Aus-
Gerhard Hundsdorfer
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik