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ven Coronaphase ihren Dienst im Krankenhaus ausübt, wundere ich mich
sehr. Aber sie sagt:
„Wieso sollte ich jetzt nicht arbeiten? Wir haben in der Ausbildung gelernt:
Begegne jedem Patienten so, als ob er infektiös sein könnte! Das mache ich
immer – und das mache ich auch jetzt, denn jetzt werde ich gebraucht, so
wie ich immer gebraucht werde!“
Die 53-Jährige schmälert nicht die Gefährlichkeit der Pandemie und hält
die Schutzmaßnahmen sowie die Beschränkungen im Alltag für völlig kor-
rekt. Dennoch entdecke ich bei ihr und nicht wenigen Pflegenden ein gro-
ßes Maß an nüchterner Betrachtungsweise.
Das Gesagte gilt auch für Beratende. Sie haben ja immer mit Menschen
in persönlichen Krisensituationen zu tun. Sie bieten immer einen Raum
an, in dem Betroffene „ihr Unglück ausatmen“ können. Sie versuchen
nach allen Regeln der Kunst, Perspektivenwechsel zu ermöglichen und
Sortierhilfen anzubieten, um im Dickicht der Sorgen einen gangbaren
Weg zu entdecken.
Derart eingeübte Verhaltensweisen sind in Krisenzeiten gute Ressour-
cen. Und doch ist die Pandemie eine Krise von außergewöhnlichem Aus-
maß.
Pandemie: Die Krise betrifft alle und alles
Es geht in dieser Situation nicht nur um die Krise eines Patienten oder Kli-
enten, es ist eine Krise, in die jeder und jede miteinbezogen ist. Pflegende
haben Sorge um die eigene Gesundheit und die ihrer Angehörigen und
Freunde. Beratende wissen vom Verlauf und vom Umfang der Krise bis-
weilen ebenso wenig wie die Ratsuchenden. Freilich haben Beratende
durch Ausbildung und Berufserfahrung bessere Voraussetzungen, um mit
derartigen Krisen umzugehen, aber Ängste machen sich auch unter „Pro-
fis“ breit. Die Krise nimmt den Helfenden mit hinein wie in einen Strudel.
Vielleicht könnte man sie mit einem Phänomen vergleichen, das von der
HIV-Infektion bekannt ist: Die Krise ist auch im Helfer vorhanden, nicht
nur die Angst vor der Krankheit, sondern sogar vor dem zu betreuenden
Menschen. Eigentlich widerspricht das dem Grundauftrag des Helfers, der
seinem Gegenüber ja als Außenstehender begegnen sollte. Sein eigenes
„inneres Team“ ist erschüttert, denn es fehlt der „Schlichter“ für die eige-
nen inneren Konflikte. Die allgegenwärtige Angst kann Vertrauen stören,
das bisher nicht in Frage gestellt war. Eine Beratungsperson sagt mit Hin-
blick auf die unsichere Ausstattung mit Mund-Nasen-Schutzmasken:
1.2
Christoph Seidl
314
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik