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Solche Themen anzusprechen, gilt in der Öffentlichkeit schon beinahe als
Zumutung. Es aus Liebe zum Leben dennoch zu wagen, ist wesentliche
Aufgabe von Seelsorge.
Kreative Seelsorge: Möglichkeiten aus-SCHÖPFEN
Seelsorge ist schließlich dann richtig und notwendig, ja systemrelevant,
wenn sie kreativ ist – im wahrsten Sinne des Wortes schöpferisch. Wie das
Buch Genesis am Anfang der Heiligen Schrift das Schöpfungsgeschehen
als Wirken des Gottesgeistes beschreibt, so arbeitet geistliche Begleitung
oder Seelsorge fortwährend an einer schöpferischen Lebensgestaltung mit.
Und dazu gehört der Raum zum Atmen.
Seelsorge ist dann kreativ, wenn sie kein spirituelles „Fertiggericht“ an-
bietet, sondern gemeinsam mit dem Hilfsbedürftigen „kocht“. Die frühere
Rede von den Schätzen oder den Heilsmitteln der Kirche suggerierte, dass
es da etwas gebe, das man sich geben lassen könne, damit es einem besser
gehe. Es wird allerdings zunehmend deutlich, dass die Bedürfnisse immer
individueller werden, sodass in der Folge auch die Angebote immer mehr
auf die Nachfragenden zugeschnitten werden müssen. In der Praxis Jesu
wurde das wiederholt sichtbar in seiner Frage „Was willst du, dass ich dir
tue?“ (Mk 10,51). Das Entscheidende ist das Erkennen einer Not und das
Angebot der Unterstützung. Worum es letztlich geht, wird sich in der Be-
gegnung zeigen.
Was kreative Seelsorge anbieten kann, ist Heilung und Trost. Jesu Zu-
wendung zu den Hilfsbedürftigen hatte immer etwas mit Heil zu tun –
nicht zuerst mit dem ewigen Seelenheil des Menschen, sondern zunächst
immer mit einem Mehr an Lebensqualität durch tatsächliche Heilung,
aber auch durch Vergebung, durch das offene Ansprechen von Verwun-
dungen im Leben und durch die Förderung der Bereitschaft zu einem
Neuanfang. All das erlebten Menschen damals als heilsam – und so erle-
ben sie es auch heute. Da kommt der zweite Begriff ins Spiel: Trost. Trost
hat nichts mit Vertrösten zu tun. Es gibt ein indogermanisches Wort, deru,
das Eiche oder Baum bedeutet. Im englischen Wort tree ist es noch zu fin-
den und dann auch in Ableitungen wie dem englischen trust, auf Deutsch
Vertrauen, Treue, Trost. Es geht dabei immer um eine Unterstützung, die
stabilisierend ist, eine Hilfe, an die man sich vergleichsweise anlehnen
kann wie an einen Baum. Dass der Heilige Geist auch Tröster genannt
wird, leitet sich vom griechischen Wort parakletos ab, das so viel bedeutet
wie der Herbeigerufene, der zu Hilfe eilt, der Beistand. Seelsorge ist heilsamer
Beistand für all diejenigen, die momentan selbst zu wenig Kraft zum Le-
3.3 „Sein Unglück ausatmen können“. Hilfe für die Helfenden
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik