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duen zu disziplinieren. Die Macht koexistiert vielmehr mit dem patho-
genen Eindringling, weiß um sein Vorkommen, sammelt Daten, er-
stellt Statistiken, lanciert »medizinische Feldzüge«, die durchaus den
Charakter der Normierung und Disziplinierung der Individuen an-
nehmen können – aber die Disziplin, gar die vollständige, kann in der
Moderne kein vernünftiges Ziel der liberalen Macht mehr sein. Dort,
wo sie dies dennoch anstrebt, wo die Macht vom Pocken-Modell zum
Pest-Modell zurückkehren möchte, wird sie totalitär (Sarasin 2005,
103).
Die neue Form der Panoptizität ist die Herrschaft mit Zahlen und Daten
(Cooper 2019), „Nexistenz in der Matrix“:
Die Existenz in der Matrix beinhaltet ein diffuses Gefühl der Existenz
ohne Geheimnisse, das geradezu offensiv verleugnet werden muss. Die
Beruhigungsmantras lauten: Wer soll denn die ganzen Daten über-
haupt verarbeiten? Wer interessiert sich schon für meinen Blutdruck?
Soll der Geheimdienst doch alle meine Telefonate speichern, es gibt
sowieso nichts Wichtiges zu hören. Das Interessante an diesen Beruhi-
gungsreden ist, dass gar nicht mehr in Abrede gestellt wird, dass man
öffentlich existiert. Es wird hingenommen als etwas, das wohl keine
Konsequenzen haben wird. Zugleich wird ein diffuses Gefühl des Be-
obachtet-werdens auf Dauer gestellt. Wir leben nicht in einem Panop-
tikum, wo von einer Zentralstelle aus mit bekannten Intentionen be-
obachtet wird, sondern wir leben in einem generalisierten Panopti-
kum, in dem von vielen Beobachtungspunkten aus mit schwer ein-
schätzbaren Intentionen beobachtet wird. Und: ich selbst könnte,
wenn ich die technischen Möglichkeiten hätte, zurückbeobachten. Im
Verhältnis dazu ist das von Foucault zur Beschreibung der Disziplinar-
macht herangezogene Panoptikum mit Zentralstelle ein überschauba-
rer und gemütlicher Ort. Das alte Panoptikum führt zur Normalisie-
rung. Man verhält sich so, als würde man beobachtet, auch wenn man
gar nicht beobachtet wird. Das Neuartige des generalisierten Panopti-
kums ist die Unbestimmtheit der vernetzten Normalitätserwartungen
und die Unbestimmtheit der Konsequenzen. Paradoxerweise wird ge-
rade das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu einer Steige-
rung der Beobachtbarkeit führen (Lindemann 2015/2019, 62).
Die aktuelle Corona-Krise zeichnet sich, wie eingangs erwähnt, durch Un-
gewissheits-(In‑)Toleranz (Spitzer 2019) aus. Biopolitik wird weitgehend
zur Affektpolitik, was sich auf das Verhältnis zur Norm (a), zum Zeitre-
gime (b) und zur Natur (c) auswirkt (Bihl 2019):
Eckhard Frick SJ
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik