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(a) Während im Pest/Lepra-Modell die Norm der Disziplin gewisserma-
ßen einen idealen Richtwert darstellte, tritt an die Stelle der Normali-
sierung ein Prozess der Normfindung, der den tatsächlichen statisti-
schen Verteilungen folgt, anstatt dem Gesellschaftskörper eine Norm
zu oktroyieren. Im Zentrum steht nun die Fähigkeit, Ungewissheit zu
managen und mit der Bedrohung in ihrer grundlegenden Unbe-
stimmtheit umzugehen.
(b) Die Affektpolitik folgt weniger der Linearität oder Regelmäßigkeit der
Phänomene als dem, was noch nicht ist, aber jederzeit geschehen
könnte oder (im Futur II) geschehen sein könnte, etwa ein erneuter ex-
ponentieller Anstieg der Infektionskurve.
(c) „In der Bedrohung als allgemeinem Bezugspunkt zeigt sich eine neue
gegenwärtige Form der Biopolitik. Regieren hat nicht mehr das Einhe-
gen von Ängsten zum Ziel, sie setzt im Gegenteil auf eine Pluralisie-
rung der Ängste, die zu einer Transformation der Machtstrukturen
führt. Wenn man das Interventionsfeld der Biopolitik als ‚Mixed Mi-
lieus‘ […] betrachtet, als komplexe ökologische Systeme, dann zeich-
net sich im affective fact ein damit korrespondierendes System der
Wahrheit ab; eine Zukunftsbezogenheit der Bedrohung in ihrer kon-
stitutiven Unbestimmbarkeit“ (Bihl 2019, 223f.).
An die Stelle des Kondoms innerhalb der Safer-Sex-Kampagnen tritt nun
die Gesichts- bzw. Mund-Nasen-Maske als Symbol der Bedrohung und der
Prävention. Kondom und Maske markieren eine Grenze zwischen sich na-
he kommenden potenziellen Infektionspartnern. Beide sind mit der Phan-
tasie verbunden, sich selbst und die andere Person zu schützen. Beide neh-
men ein Restrisiko in Kauf, da weder Kondom noch Maske 100%ig schüt-
zen. Das Kondom modifiziert die sexuelle Begegnung, die Maske die ver-
bale und mimische Kommunikation. Während das Kondom zwar öffent-
lich plakatiert und verkauft wird, aber doch im Raum der Intimität bleibt,
hat die Maske trotz eines partiellen Vermummungs-Effekts den Vorteil, im
partiellen Verhüllen Sichtbarkeit der Unterwerfung herzustellen. Sie de-
monstriert öffentlich: Ich schütze dich und mich in vorauseilendem Ge-
horsam, bevor ich durch polizeiliche Sanktionen oder kontrollierende Bli-
cke der anderen dazu aufgefordert werde.
Machtausübung, Panoptismus, Selbst-Techniken, Subjektivierung und
Kontrolle können unter Foucaults Stichwort der gouvernementalité zusam-
mengefasst werden. Ein aktueller Literaturüberblick (Marchand et al.
2020) wählt aus 1673 zunächst gefundenen Studien 38 nach apriorisch de-
finierten Einschlusskriterien aus und konstatiert drei Verwendungsweisen
von gouvernementalité im Gesundheitswesen: eine epistemologische, eine
Verändert Covid-19 unsere Konzeption von Spiritual Care?
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik