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down der Kindertagesstätten, Spielplätze und Begegnungsmöglichkeiten) wie für
die ganz Alten (Abschottung von Alten- und Pflegeeinrichtungen, in denen z. T.
ein Gefängnis-Regime gilt), für Demente und Sterbende. Wenn diese Verluste be-
wusst werden, entsteht neuer Sinn für das Fehlende, für die aus dem somatisier-
ten Diskurs ausgeschlossenen Bedürfnisse.
In ausdrücklicher und definitiver Weise bezieht sich Trauer auf den Ab-
schied von Verstorbenen und auf die Totenfürsorge vom Eintritt des Todes
bis zur Bestattung sowie im Rahmen des individuellen oder kollektiven
Trauerns über den Bestattungstermin hinaus – möglicherweise geknüpft
an das Grab, den Ort der Bestattung.
Der Covid-19-Diskurs greift reglementierend auch in diesen Bereich des
Lebens, Sterbens und Abschiednehmens ein, etwa durch Vorschriften im
Umgang mit infizierten Leichen, Beschränkung der Teilnehmenden-Zahl
an Bestattungsriten, Verbot von Trauergottesdiensten. Die während der
Ebola-Epidemie von der WHO verwendete Formel eines „sicheren und
würdevollen“ Todes verknüpft bio-medizinisches und anthropologisch-
spirituelles Denken. Im afrikanischen Kontext entstand die Rolle der „Spi-
ritual Brokers“, die zwischen dem bio-medizinischen Modell und dem je-
weiligen religiösen vermitteln (Winiger 2020). In analoger Weise lässt sich
für die europäische, vergleichsweise stärker säkularisierte Situation sagen:
Trauer, insbesondere Trauer um nahestehende Verstorbene, macht den Be-
troffenen rituelle und spirituelle Bedürfnisse sowie Ritual-Lücken, die zu-
sätzliches Leid verursachen, bewusst. Aus dieser trauernden Bewusstwer-
dung kann Neues wachsen: die Erkenntnis, dass die Somatisierung des
Gesundheits-Diskurses zur Bewältigung der Krise notwendig, aber eben re-
duktionistisch ist. Spiritual Care wird in neuer Weise „Spiritual Broke-
ring“ sein – die Verknüpfung des biomedizinischen Diskurses und Teilsys-
tems mit der Fülle des Menschseins und die Überwindung einer reduktio-
nistischen Medikalisierung unseres Lebens.
Widerstand und Resilienz durch Spiritualität
Spiritualität (für den späten Foucault: Selbstsorge, Zugang zur Wahrheit, frei-
mütige Rede/parrhesia) ist eine Gestalt des subjekthaften Widerstands gegen die
Macht. Dabei geht es nicht um ein romantisierendes Revoluzzertum, sondern um
die Wiedergewinnung und Weiterentwicklung einer mehrdimensionalen Anthro-
pologie für die Medizin und die Gesundheitsberufe insgesamt. Die Reduktion des
Menschen auf seine virologische Rolle (Wirt, infiziert, erkrankt, immun, gestor-
ben) ist eine Strategie, um ihn „festzulegen“. Resilienz heißt, die Frage nach dem
7.
Eckhard Frick SJ
336
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik