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Menschenwürde, Freiheit und Verantwortung
In den weiteren Phasen der Corona-Pandemie wird es sehr darauf ankom-
men, wie Freiheit und Verantwortung in ein ausgewogenes Verhältnis ge-
bracht werden können. Die Freiheit zum Leben und die Würde des Men-
schen, die nicht gegen andere Güter aufgerechnet werden darf, schließen
die Freiheit zum Sterben ein, das heißt auch die Freiheit zu selbstverant-
wortlich eingegangenen gesundheitlichen Risiken. Werden Leben und Ge-
sundheit abstrakt zum höchsten Gut erklärt, ist die unausweichliche Folge
ein Paternalismus, der zur Bevormundung und Entmündigung von Men-
schen führt. Der lobenswerte Grundsatz, besonders gefährdete Personen-
gruppen vor Covid-19 zu schützen, darf nicht zur Bevormundung von Pa-
tienten und Bewohnerinnen führen, die am Ende vor sich selbst zu Tode
geschützt werden, weil das nackte Überleben mit dem sozialen Tod, der
unverhältnismäßigen Einschränkung von Besuchs- und Freiheitsrechten
erkauft wird.
Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie haben nicht
nur Menschenleben gerettet, sondern sind auch mit gesundheitlichen
Nachteilen und sogar Schäden erkauft worden. Man denke an „normale“
Kranke, die bei Herzinfarktverdacht nicht zum Arzt oder in die Klinikam-
bulanz gegangen sind, an verschobene OPs oder an psychische Folgen der
wochenlangen Isolation, eine Verschlimmerung der Verwirrtheit bei Men-
schen mit Demenz oder die Verschlechterung des Allgemeinzustandes von
Bewohnern und Bewohnerinnen von Einrichtungen der Altenhilfe infolge
der Infektionsschutzmaßnahmen.
Nach christlichem Verständnis hat jeder Mensch die gleiche Würde, die
es verbietet, Menschenleben gegeneinander aufzuwiegen. Der utilitaristi-
sche Ansatz des größtmöglichen Nutzens für die größtmögliche Zahl an
Menschen steht dazu im Widerspruch. Dennoch kann es im Leben immer
wieder zu Zielkonflikten kommen, etwa, wenn Leben gegen Leben steht.
Der deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, ein bekennen-
der evangelischer Christ, hat in einem Interview erklärt: „Aber wenn ich
höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann
muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte be-
schränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in
unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist
unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“13 Und
er ergänzte: „Der Staat muss für alle die bestmögliche gesundheitliche Ver-
4.
13 Tagesspiegel, Schäuble will dem Schutz des Lebens nicht alles unterordnen.
Ulrich H.J. Körtner
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik