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Man unterscheidet drei Ebenen der Allokation:
• Makroebene,
• Mesoebene,
• Mikroebene.
Aus medizinethischer Sicht sollten Allokationsentscheidungen möglichst
weit weg vom einzelnen Patienten getroffen werden. Das gilt auch fĂĽr die
Versorgungslage in der COVID-19-Pandemie. Zunächst gilt es, die Situati-
on knapper Ressourcen durch geeignete AllokationsmaĂźnahmen zu ent-
schärfen, etwa durch Verlegung von Patienten, die keine Intensivtherapie
benötigen, auf eine Intermediate Care Unit oder auf eine Normalstation.
Grundsätzlich erfordert Allokation nicht nur Rationalisierung, sondern
auch Rationierung. Dabei ist zu beachten, dass es nicht nur Phänomene der
Unterversorgung, sondern auch der Ăśberversorgung und der Fehlversor-
gung gibt, die sich nicht nur auf das Gesamtsystem unter medizinökono-
mischen Gesichtspunkten, sondern auch auf das individuelle Patienten-
wohl nachteilig auswirken können.
Grundlegende Prinzipien fĂĽr Priorisierungsentscheidungen sind (1) das
Prinzip der Gerechtigkeit (Fairness) sowie die Prinzipien der (2) Patienten-
autonomie – d. 
h. soweit bekannt, der Patientenwille – und die (3) Men-
schenwĂĽrde. Ein weiteres Kriterium sind (4) die Ăśberlebenschancen und
die klinische Erfolgsaussicht.
Zu ethischen Kriterien fĂĽr Priorisierungs- und Triage-Entscheidungen
heißt es in den Empfehlungen der Deutschen interdisziplinären Vereini-
gung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und der in Göttingen ansäs-
sigen Akademie für Ethik in der Medizin (AEM): „Eine Priorisierung ist
aufgrund des Gleichheitsgrundsatzes nicht vertretbar nur innerhalb der
Gruppe der an COVID-19 Erkrankten und nicht zulässig allein aufgrund
des kalendarischen Alters oder aufgrund sozialer Kriterien.“20 Das bedeutet
im Klartext: Einerseits darf es keine Altersdiskriminierung geben. Die mut-
maĂźliche Lebenserwartung nach der Gesundung ist fĂĽr die Aufnahme auf
eine Intensivstation unerheblich. Andererseits werden auch im Katastro-
phenfall Intensivbetten für andere Patienten benötigt, zum Beispiel für
Unfallopfer, Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten oder frisch Operierte
nach einem schweren Eingriff. Das aber bedeutet, dass im Katastrophenfall
20 Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI),
Entscheidungen ĂĽber die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der In-
tensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie. Klinisch-ethische Empfeh-
lungen, 4. Ethik in Zeiten von Corona. Eine diakonisch-ethische Perspektive
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik