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Menschen in Gesundheitsberufen, die in den zurückliegenden Wochen
viele Menschen an Covid-19 haben sterben sehen, sind mehr als sonst see-
lisch belastet. Wird unsere Sterblichkeit verdrängt, muss jeder Tote als Ver-
sagen empfunden werden. Das führt zu moralischem Stress beim klini-
schen Personal.24 Human ist eine Medizin, die das Sterben zulassen kann
und den Tod nicht bloß als eine numerische Größe in den täglichen
Corona-Statistiken behandelt.
Von Verstorbenen Abschied zu nehmen, gehört zu einem humanen
Umgang mit dem Tod. Religiöse Trauerriten sind Bestandteil der Religi-
onsfreiheit, die in der Phase des Containments stark beschnitten worden
ist. Eingriffe in Grundrechte, zu denen auch das Besuchsrecht und der seel-
sorgliche Beistand für Kranke und Sterbende zählt, lassen sich in der Akut-
phase einer Pandemie rechtlich und ethisch rechtfertigen. Ihre Verhältnis-
mäßigkeit ist aber fortlaufend zu überprüfen.
Übertriebene Maßnahmen, die das Recht auf Sterbebegleitung und ein
würdevolles Abschiednehmen unterminieren, sind nicht zu rechtfertigen.
Von an oder mit Covid-19 Verstorbenen geht laut Robert Koch Institut
kein größeres Infektionsrisiko als von Influenzatoten aus, wird das Virus
doch vor allem durch Tröpfcheninfektion übertragen.25 Tote atmen nicht.
Werden übliche Hygienestandards eingehalten, spricht augenscheinlich
grundsätzlich nichts dagegen, dass sich Hinterbliebene persönlich von
Corona-Toten verabschieden – auch mit seelsorglicher Begleitung. Bei reli-
giösen Riten ist allerdings darauf zu achten, dass das mögliche Infektions-
risiko beachtet wird. Mediziner raten, auf Berührungen des Leichnams
oder rituelle Waschungen zu verzichten oder zumindest für eine ausrei-
chende Schutzausrüstung zu sorgen.
Ausblick
Die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems wird mehr denn je eine ge-
meinsame kollektive Anstrengung. Wie gut es funktioniert, welche Thera-
pien finanziert werden können und wie Kranke versorgt werden, ist in den
wirtschaftlich harten Zeiten, die uns durch den Lockdown ganz sicher in
der nächsten Zukunft erwarten, zu einer sehr großen Herausforderung ge-
worden.
8.
24 Siehe Eisele, Moralischer Stress in der Pflege.
25 Vgl. Robert Koch Institut, Empfehlungen zum Umgang mit SARS-CoV-2-infizier-
ten Verstorbenen.
Ulrich H.J. Körtner
354
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik