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Gottes Willen auf der Erde passieren. Zugleich beschreibt sie die Welt als
Gottes gute Schöpfung. Wie geht das zusammen?
Eine erste gedankliche Annäherung: Das Übel hat keine eigenständige
„Seinsqualität“, sondern ist vielmehr ein – schmerzlicher – Mangel an Gu-
tem, ist dessen Pervertierung – so wie Krebs einen (guten) Organismus be-
fällt, mit seinem Wuchern als entartetem Wachstum. So ist Gott zwar
nicht der Schöpfer des Übels, doch muss er sich fragen lassen, wozu er den
realen Mangel an Gutem, der so viel Leid mit sich bringt, zulässt.
SchlieĂźlich folgt aus der Allmacht logisch, dass Gott das Virus verhin-
dern oder vernichten könnte. Müsste man nicht beseitigen, was man nicht
will, wenn man die Macht dazu hat? Eigentlich schon – es sei denn, man
hätte hinreichend gute Gründe, etwas zuzulassen bzw. in Kauf zu nehmen,
obwohl man es nicht will (so wie z.  B. Eltern aus pädagogischen Gründen
Dinge bei ihren Kindern laufen lassen, die sie missbilligen und beseitigen
könnten – doch das kann auch in Verantwortungslosigkeit umschlagen
…).
Eine Antwort auf die Frage nach diesen GrĂĽnden darf in Anbetracht der
Leidenden nicht das Ăśbel rechtfertigen, sondern allein dessen Zulassung.
Der bislang beste Vorschlag fĂĽr den gesuchten Wert ist fĂĽr mich die Frei-
heit des Menschen11; weil ich jedoch nicht sehen kann, dass Gott dafĂĽr Na-
turkatastrophen wie die Corona-Pandemie in Kauf nehmen muss12, räume
ich ein: Ich habe keine positive Antwort auf die Frage, wozu Gott Ăśbel zu-
lässt! Es kann und muss eine Lösung geben, aber ob wir sie unter irdischen
Bedingungen finden oder bekommen, ist angesichts jahrhundertelanger
erfolgloser Suche fraglich.
Ohne Antwort bleibt der Glaube an Gott angesichts sinnlosen Leidens
erschĂĽtterbar. Auch von Jesus ist ein Verzweiflungsruf am Kreuz ĂĽberlie-
fert: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!“ (Mk 15,34)13
Im Anschluss an so eine Erfahrung hat der Mensch mehrere Möglichkei-
ten (doch stehen sie wohl nicht einfach zur freien Auswahl): den Glauben
an Gott enttäuscht aufgeben, Gott flehentlich anrufen oder sich ihm im
Letzten anvertrauen14; natürlich gibt es in der Realität Zwischen- und
auch Mischformen.
11 Vgl. z.  B. Kreiner, Gott im Leid, insbes. 321–391.
12 FĂĽr eine Kritik an der so genannten Free Will Defense siehe Splett, Freiheit zum
Guten ohne Freiheit zum Bösen – undenkbar?
13 Das Ausrufungszeichen erscheint mir angemessener – Jesus fragt nicht, er klagt.
14 Vgl. dazu ein anderes Wort Jesu am Kreuz: „Vater, in Deine Hände empfehle ich
meinen Geist.“ (Lk 23,46). Das Virus, der sterbliche Mensch und Gott
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik