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wundbar und zugleich wie abhängig wir voneinander sind. Nun spürt je-
der und jede, wie das eigene Schicksal mit dem aller zusammenwirkt.“1
Mau arbeitet mit Verweis auf entsprechende Entwicklungen etwa im Ge-
folge der Industriellen Revolution oder des Zweiten Weltkriegs die These
heraus, dass eine kollektive Risikoerfahrung die Einsicht in „soziale Ver-
wobenheit, das Aufeinander-angewiesen-Sein“ als Grundlage menschli-
chen Daseins generieren bzw. verstärken könne:
Aus der doppelten Verbindung zueinander – als Personen, die abhän-
gige Teile eines groĂźen Ganzen sind, und als Personen, deren Hand-
lungen auf das Ganze zurückwirken – kann ein Gefühl von Wechsel-
seitigkeit entstehen. Trotz aller AnsprĂĽche auf Autonomie kann der
oder die Einzelne diesem Zusammenhang kaum entfliehen.2
Und schließlich verweist Mau auf Émile Durkheim als einen der Gründer-
väter der Soziologie, der bereits schlüssig dargelegt habe, dass arbeitsteilige
Gesellschaften mit individualisierter Kultur notwendig ein Interdepen-
denzbewusstsein bräuchten, um Solidarität gestalten zu können, bei Durk-
heim organische Solidarität genannt, die die Verbindungskraft3 zwischen ei-
gentlich Unterschiedlichen stifte:
In dieser Krise sind alle geradezu gezwungen, sich in einer Gemein-
schaft zu verorten, deren Normalität prekär geworden ist. Gerade des-
halb sind wir dazu aufgefordert, dem Zusammenleben eine Bestim-
mung und eine Form zu geben, es neu auszubuchstabieren. Klug sind
jene Gesellschaften, die mit Innovationen reagieren, also der Fähig-
keit, außerhalb von Routinen institutionelle Lösungen für neue Pro-
bleme zu entwickeln. Diese Lernprozesse zu organisieren, wird wohl
etwas, das uns noch lange beschäftigen wird.4
Die EinĂĽbung in ein Distant Socializing angesichts eines massiven Social
Distancing – das ist auch für die Religionsgemeinschaften eine zentrale He-
1 Mau, Neue Nähe, 5. Ein grundsätzlicher Hinweis: Der vorliegende Text wurde be-
reits Anfang Mai 2020 in den GrundzĂĽgen abgeschlossen; bei Erscheinen dĂĽrften
die thematisierten Zusammenhänge sich angesichts der nach wie vor im Gang be-
findlichen einschlägigen Dynamiken schon wieder weiterentwickelt haben, bzw.
konnten z. B. neuere Phänomene wie die Diskussionen um angemessene gottes-
dienstliche Formen nach ersten Schritten zur Lockerung des Shutdowns hier nicht
mehr berĂĽcksichtigt werden.
2 Mau, Neue Nähe, 5.
3 Siehe dazu Durkheim, Division.
4 Mau, Neue Nähe, 5.
Stephan Winter
370
https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, MenschenwĂĽrde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik