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seren Augen war sie sterbend. Die Amtsärztin empfahl um-
gehend eine Verlegung auf die Covid-Station eines Kran-
kenhauses, um das Ansteckungsrisiko zu verringern. Das
war eine kritische Situation, weil wir uns alle fragten, ob für
diese Bewohnerin eine Verlegung ins Krankenhaus über-
haupt noch zumutbar sei. Nach mehreren Gesprächen ka-
men wir gemeinsam überein, dass die Bewohnerin die erste
Nacht noch bei uns im Pflegeheim verbringen solle – natür-
liche unter besonderen Schutzmaßnahmen. Das Problem
war hier die Risikoabwägung. Welcher Wert geht vor: die
Gesundheit der restlichen MitbewohnerInnen oder die Si-
tuation der betroffenen Bewohnerin? Dieser konnte in die-
ser Situation einfach kein Transfer zugemutet werden, da
sie einen solchen wahrscheinlich nicht überlebt hätte.
Platzer: Wie ging es dann weiter?
Pichler: Am nächsten Morgen ging es ihr dann deutlich besser. Sie
hatte die erste Fieberkrise also gut überstanden. Sie war
dann wieder ansprechbar und agiler. Dann versuchten wir
wieder abzuwägen. Letztlich sind wir dann gemeinsam mit
der Amtsärztin zur Entscheidung gekommen, dass sie auf-
grund ihres verbesserten Allgemeinzustandes auf die Covid-
Station verlegt werden soll, obwohl ihr Hausarzt dagegen
war. Im Nachhinein betrachtet war das von uns die richtige
Entscheidung, weil die Patientin dann eine adäquate Be-
handlung bekommen hat und nach einiger Zeit wieder ge-
sund zu uns zurückkehren konnte.
Platzer: Warum hat sich der Hausarzt gegen eine Verlegung der betroffe-
nen Patientin auf die Spezialstation ausgesprochen?
Pichler: Der Hausarzt war deshalb dagegen, weil in diesem Fall ein
älterer Mensch einem jüngeren das Bett wegnehmen würde
und dieser dann womöglich an Covid-19 sterben müsste.
Das war die Ansicht des Hausarztes – und diese Aussage hat
uns alle sehr betroffen gemacht.
Derler: Ja! Ich kann mich noch ganz genau auf das Zitat dieses
Hausarztes erinnern: „Diese Patientin ist über 90 Jahre alt.
Wenn wir sie jetzt ins Krankenhaus bringen, dann nimmt
sie ja nur einem 53-jährigen Patienten das Bett weg.“ Das
ging dann schon in Richtung Triage, obwohl wir in der
Steiermark ja nie einen Engpass an Spitalsbetten hatten. Das
Corona im Pflegeheim. Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis
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https://doi.org/10.5771/9783748910589, am 02.10.2020, 10:33:08
Open Access - - https://www.nomos-elibrary.de/agb
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Die Corona-Pandemie
Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Title
- Die Corona-Pandemie
- Subtitle
- Ethische, gesellschaftliche und theologische Reflexionen einer Krise
- Authors
- Wolfgang Kröll
- Johann Platzer
- Hans-Walter Ruckenbauer
- Editor
- Walter Schaupp
- Publisher
- Nomos Verlagsgesellschaft
- Location
- Baden-Baden
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7489-1058-9
- Size
- 15.3 x 22.7 cm
- Pages
- 448
- Keywords
- Philosophie, Theologie, Gesellschaft, Gesundheitssystem, Biopolitik, Menschenwürde, Bioethik, Intensivmedizin, Gesundheitsethik, Covid-19, Triage, Ethik, Strafrecht und Grundrechte, Krankenhausseelsorge, Spiritual Care, Pflegeheim, Social Distancing
- Categories
- Coronavirus
- Medizin
- Recht und Politik