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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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REPRÄSENTATIONEN DYNASTISCHER SCHLÜSSELMOMENTE 201 Der Schock war groß, als Leopold nach nur zwei Jahren starb und sein Sohn Franz ihmviel früheralserwartetaufdenThronfolgte.DasseraufgrundderpolitischenUm- stände als Franz II. der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reichs werden sollte, war zu dieser Zeit noch nicht abzusehen. Doch blieb seine Krönung im Frankfurter Dom am 14. Juli 1792 (provokanterweise am dritten Jahrestag des Pariser Bastillesturms) die letztedeutscheKaiserkrönung.ObwohlnochnichteinmaldieSchuldendesletztenKrö- nungsfests abgezahlt waren, wurde auch diese Zeremonie mit großem Pomp begangen, wohlnichtzuletztalsSignalanin-undausländischeantimonarchistischeKräfte.Wieein Triumphzug gestaltete sich auch die Rückkehr, mit zahlreichen Festakten an den ver- schiedenen Reisestationen und Nächtigungsorten. In Linz wurde dem Aufenthalt des aus Frankfurt kommenden Kaiserpaars sogar eine kleine ‚ ländliche Oper` gewidmet, wie schon deren umständlich-devoter Titel verrät: Der gest'rige Tag! oder Margareth, das ist ein herzallerliebster Mann Unser neuer Kaiser Franz (1793). Verfasser war der landständische Kanzlist Wenzel Blima (?– 1823), der für die Vertonung des Singspiels den Rohrbacher Tabakverleger Kaspar Lachner gewinnen konnte und sich merklich an Maurus Lindemayrs Werk orientierte. Die zweiteilige Handlung ist simpel und dient allein der Demonstration der patriotischen Gesinnung des oberösterreichischen Volks. Im Mittelpunkt steht der Bauer Hanns Liebhold, der mit seinen Kindern Augenzeuge der Linzer Feierlichkeiten war. Euphorisiert gibt er nach der Rückkunft ein spontanes kleines Fest, bei dem den Zuhausegebliebenen die großen und auch kleinen Erlebnisse lebensnahgeschildertwerden: Hans. Still!He!nocheins– Schauts,daßabersehts,daßichmichnichtumsonstg'freu– somuß ich euch noch was erzähln – Schauts! in Landhaus in Saal ist neben meiner ein gmainer Bur- gersmann, aber schon ein ziemlich alter Dadel g'standen. In Um- und Umschaun erblick ich auf einmal in sein G'sicht, daß ein Zähe den andern schlagt – Mei? frag ich – warum weint dann der Herr? Was meinst, was er mir g'antwort hat? – Vor lauter Freuden hat er g'sagt. – Dennsagter– dieAnkunfterinnertmichnatürlichaufdieZeiten,dadiegrosseMariaThere- sia mit den geliebtesten Kaiser Franz in der Flor, und Schönheit ihrer Jugend in Linz g'wesen ist – und der Jubel hat die nachfolgende gute Regierung vordeut – und er wollt sein Hab und Gut verwetten, daß bey den gegenwärtigen jungen Kaiserleuten das nämliche erfolgen wird, besondersweil'sdienämlichenNämhab'n.57 Dadel]alterMannZähe]Träne inLinzg'wesenist]1743kamMariaTheresianachLinz,umdieErbhuldigung derStändeentgegenzunehmen AuchhierunterstreichtdiedynastischeVorstellungderHerrschaftskontinuitätüberGe- nerationen hinweg die gottgegebene Repräsentationsbeziehung. Hans spricht die Kor- porationssymbolik sogar explizit an, wenn er im zweiten Akt seinen Freundeskreis für Privatfeierlichkeiten imaristokratischenBereichanwirbt: Hans. Aft!wasist'sohneOberhaupt?Garnichts,einpurerTauderlau!Nemt'snurselesteinWirt- schaft, wo Knecht, Dirn'n, und alles untereinander handirt, und regirt – Entweder es g'scheht nichts – oder es g'schieht alles in Raffen, Zancken und schlag'n oder es g'schieht alles später, und schlechter als g'schehn wär, wann ein Herr regirt hötte – Schauts! es ist halt grads so, wie 57 [Wenzel Blima:] Der gest'rige Tag! oder Margareth, das ist ein herzallerliebster Mann Unser neuer Kaiser Franz.Linz, [o.V.]1793,S.54.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Title
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Subtitle
Eine andere Literaturgeschichte
Authors
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2019
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
652
Keywords
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Categories
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800