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INSZENIERTER PATRIOTISMUS: HERRSCHAFTSAPOLOGIEN UND VATERLÄNDISCHE STÜCKE 213
zugleichseinemBuchhalterPrücknernacheinerabschließendenAnagnorisiseinglück-
lichesLeben:
Prückner. ZugroßmüthigerFreund!
Richter. D'rum sag' ich: Da wollen wir morgen gleich d'rüber; Aber den heutigen Tag soll mir,
zur Ehr der ganzen Judenschaft, unser Schulmeister noch heut mit goldenen Buchstaben in
meinProtokoll eintragen.
Peterl. NeinHerrRichter!Dasthutergewißnicht,danndieJudenseyndseineärgestenFeinde.
Schmied. Dafür laß du mich sorgen Peterl! Ich werd' dabey seyn, und mockirt er sich nur das
mindeste, so schlag' ich ihm mit Gunst die fünf Finger in d'Fressen, daß ihm d'roth Suppe
herabrinnensoll.
Wagner. Undichsecundir'denHerrnG'vattern,dasnämlichg'waschensoll seyn.
Michel. Nein meine Herren! Vielleicht wird er von Juden ganz anderst denken, wenn er den
heutigenVorfallhörenwird.79
InderDruckfassungkommtdasvonPauersbachgefordertemundartlicheSprechennur
bedingt zum Ausdruck. Doch mit dem Bauern Hannsmichel scheint der Wiener Au-
toreineBühnen gurgeschaffenzuhaben,dieeinbestimmtespatriotisch-integresPro l
abdeckte. Noch 1799 bedient sich der bedeutende Volkstheaterdichter Joachim Perinet
(1763 1816) der Figur für ein relativ plattes Agitationsgedicht, das die Vaterlandsliebe
und Wehrbereitschaft der österreichischen Bevölkerung während der Koalitionskriege
zur Schau stellt. Es zeigt den kaisertreuen Bauern, der zur Jahrtagsfeier des Allgemei-
nen Aufgebots` von 1797, als ein Heer Freiwilliger die anrückende Armee Napoleons
zurückschlagen sollte,80 mit seiner Familie in die Stadt spaziert und dabei vergangene
und gegenwärtige Ereignisse kommentiert, die Franzosen verunglimpft und das Haus
Habsburg idealisiert:
1
He,Rosel, auf!Leg'd'Kinderan,
Wirgeh'nhinein ind'Stadt;
Geht's, tummelt's euch,was jedeskann,
Sonstkommenwirzuspat.
Heut'vorzweyJahrenwar's sonoth
AlskämderAntichrist
Wißt's,daßvomWieneraufgeboth
HeutderGeburtstag ist? 2
DuHanns,nimm'srotheLeibel jetzt,
Wod'Silberknöpfelndrauf,
Weib,nimmdenRockmitBrambesetzt,
Setz'd'Sonntaghaubenauf.
DerSepherlgiebdasMieder 'raus,
Was ihrdieGodelg'schenkt;
IchselberhabalsHerrvonHaus,
dieKaisermünz'umg'hängt.
3
Diehab ichnochvomSeppelher,
Undtäglichwirdsie 'küßt;
DieMünz'machtmirein'großeEhr',
Ichhabsie 'kriegtalsChrist.
Dahab' ichein' imWasserg'fangt,
Daswareinalter Jud',
Denhab' ichnochbey'mSchopfd'erlangt
MeinG'wissensagt, s'wargut. 4
Hernachhat'sNachbarnHausgebrennt,
Dashab ichmitsalvirt:
Erhateinmahlmichausgepfänd't,
Ichhabmichrefanschirt.
DerSeppelhatvonWasser 'tropft,
Dennerwarnebenbey;
Dahatermichaufd'Achselklopft,
Undfragtmich,wer ichsey?
79 Ebda.,S.108.
80 Vgl.LucjanPuchalski: ImaginärerNameÖsterreich.Der literarischeÖsterreichbegriff anderWendevom
18. zum 19. Jahrhundert. Wien: Böhlau 2000. (Schriftenreihe der Österreichischen Gesellschaft zur Erfor-
schungdes18. Jahrhunderts8)S.60.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen