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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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Page - 217 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

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INSZENIERTER PATRIOTISMUS: HERRSCHAFTSAPOLOGIEN UND VATERLÄNDISCHE STÜCKE 217 steller beobachten, Joseph Richter (1749– 1813). Der ungemein produktive Wiener Au- tor hatte mit seinen Briefen eines Eipeldauers ein Periodikum geschaffen, das trotz aller satirischerVerzerrungeinenunvergleichlichenEinblickinsAlltagslebenderösterreichi- schen Residenzstadt gewährt (vgl. Kapitel 4, S.329). Das Markenzeichen dieser Briefe war eine stilisierte, für die Lesegewohnheiten eines nicht nur regionalen Publikums entschärfte Mundart. In ganz ähnlicher Weise ist auch sein Gespräch über den Frieden (1795)gehalten,eineWirtshauskonversationzweierWienerHandwerkermeistermitei- nem alten Bürger und einem Kutscher über die jüngsten politischen Ereignisse. Eben erst hat sich Preußen im Frieden von Basel aus dem Ersten Koalitionskrieg verabschie- det und die beiden Handwerker Kneipp und Wetz erhoffen sich dadurch ein Ende des Kriegs und einen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch der Bürger bremst die Erwar- tungen; denn auf Vertragspartner wie Frankreich, wo die Regierung jederzeit wieder gestürzt werden kann, und Preußen, das seine eigenen Interessen im Reich verfolgt, könne kein Verlass sein. Mit dem besonnenen Fiaker bekommt schließlich die Stimme dervonobenverordnetenpolitischenVernunftdasWort: Kutscher. Ich hab den Herrn zughört; aber ich glaub, d'Herrn habn den rechten Fleck nicht gtroffen – Ich bin einmal durch ein dreyßig Jahrl ein Fiaker gwesen, und wenn ich so über Land gfahrn bin, so habn meine Leut immer gsagt: du Schwager schmeiß uns nicht um – – Ey! sorgn Sie sich nicht, hab ich gsagt, Roß und Wagn ghört ja mir zu, und wenn d'Glässer zerschlagen würden, oder der Wagn zerbrechen sollt, so gings ja aus mein Beutl; und da bin ich kein Narr – – und da habn sich d'Herrn und Fraun kuraschirt in mein Wagn eingsetzt, und habn sich ruhig fortführn lassen – – Und, (nehmen S' mir 's Gleichniß nur nicht übel) so meine Herrn, glaub ich, solln 's auch wir braven Unterthanen machen, und solln uns halt ruhigundgetrostaufdieverlassen,die 'sRudervomStaat inderHandführn.DerWagnghört ja ihnen zu, und da werden s' gwiß dafür sorgn, daß s' nicht umschmeissen. Ich weiß nicht, ob von Frieden was dran ist, oder nicht: aber wenn s' ein machen, so glaub ich gwiß, daß er zu unserm Besten seyn wird; denn ein guter Hausvater kann ja nur immer 's Beste für seine Kinderwolln.88 Schwager] (auch)BezeichnungfürKutscher EswareindeutlichesSignalandiebürgerlicheÖffentlichkeit,dashierRichterals treuer Diener seines Herrn (der später für seine Dienste auch 30 Gulden Monatspension aus demgeheimenPolizeifondsbezog)89 publizistischsetzte.DenUntertanenstandesnicht zu,dieEntscheidungenderRegierunginFragezustellen,denn– soder‚ Burgersmann` – „ EsistwirklicheinNarrheit,wennwirgmeinenLeutüberDingräsonnirnwolln,diewir nichteinsehnkönnen.“ 90 GefragtwarkeineigenständigespolitischesBewusstsein, son- dern ein kindlich naiver Glaube an die Obrigkeit; die Möglichkeit der Mitbestimmung des Volks sollte erst gar nicht erwogen werden. So endet die kleine Szene mit einem 88 [JosephRichter:]GesprächüberdenFrieden.Deutschland[recteWien]1795,S.12ff. 89 Vgl.HansViktorPisk: JosephRichter1749– 1813.VersucheinerBiographieundBibliographie.Wien1926 [Diss.], S.37f. 90 Richter,GesprächüberdenFrieden,S.15.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Title
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Subtitle
Eine andere Literaturgeschichte
Authors
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2019
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
652
Keywords
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Categories
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800