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218 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
Hochruf auf den Landesvater`
und mit ihm auf alle braven Unterthanen, die auf Gott
undihrenRegentenvertraun! 91
Beinahe noch aufdringlicher ist die patriotische Indoktrinierung in den
vaterländi-
schen` Stücken, die zur selben Zeit entstanden und in der Idealisierung von Herrschaft
und Untertanentum ein unter allen Umständen zu beschützendes Gemeinsames kon-
struierten. Besonders instruktiv in dieser Hinsicht ist Wenzel Blimas
Original-Provinz-
stück` Das Land ob der Enns (1795), das am deutlichsten von seinen Singspielen das
dialektale Sprechen auch in die gedruckte Fassung übernimmt. Eigentliches Zentrum
dieses vor allem kulturhistorisch bemerkenswerten Dramas ist der oberösterreichische
Umgebungsraum selbst, das Landl` mit seiner unvergleichlichen Landschaft, Bevölke-
rung, seinen Sitten und Bräuchen, das auf recht plakative Weise ins allerbeste Licht
gesetzt werden soll. Hauptverantwortlich ist dafür der Schiffschreiber Gregori, der als
rustikalerSympathieträgerdiekargeHandlungvorantreibt,dienureineschnellgeklärte
Intrige aufzuweisen hat und mit einem Hochzeitsfurioso (fünf Paare nden sich) und
einem Landes- und Herrscherlob an der Triumphpforte endet. Positive Figuren sind
entweder aus Oberösterreich oder nden hier einen neuen Lebensmittelpunkt, pro-
blematischere Rollen wie die P egersfrau Klara oder der Friseur Jaques genesen am
landlerischen Wesen oder kommen erst gar nicht auf die Bühne wie der Aufklärer
Pöchfackel, dessen negativer Charakter sich schon darin zeigt, dass er den Bauern ihre
Landessprache abgewöhnen möchte. Denn diese ist in Blimas Lustspiel ein Signum un-
verfälschterBodenständigkeitundSittlichkeit imrousseauschenSinnundwirdinvielen
Szenendurchauswirkungsvollundhumorvollpräsentiert, soetwa,wenndieWirtstoch-
terBaberldenSchiffsknecht Jodelweckt:
Baberl. (gehtaufdasGestadzu,undruft indasSchiffhinein) Jodl! Jodl!
Jaques. Parbleu!das ist einschönesMädchen!
Baberl. Jodl! Jodl!
Jaques. (zuJohann)SehenSiedochdasMädchenan,das ist einbildschönesKind.
Johann. Nun mich freut es, daß Ihnen doch endlich einmal in diesem Lande etwas auffällt, was
fürSieeinenReizhabenkann.
Baberl. Jodl!LiegstaufainLoser,undhastdimitdemandernzudeckt,daßduminithörst?
Jaques. MeinschönesKind! ichwill IhnendenJodlausdemSchiffheraushollen,undihnmun-
termachen,wennerschläft.
Baberl. Hats nöt vonnöthen. Is a gar g'fahrli bey ihm nahet z'stehn, wenn er munter wird. Er
wirdgarwunderlimunter. Jodl!
Jodl. (Hebt sich langsam im Schiff in die Höhe, ranzet sich mit der einen Hand, während er sich
mitderandernanderSchiffhüteanhält)
Baberl. So! Hab di guet, Ranzeter! daß du nöt umi fallst. Ha mein! hast mi denn gar nöt
g'hört,wieoft idir schong'ruffenhab?
Jodl. Waswolltsdenn?
Baberl. IßderNaufährternötda?
Jodl. Wirdleichtdrin imWirthshausseyn.
Baberl. Na, bey uns drin iß er nöt, drum such i ihn ja. Wo muß ihn denn der Hansl wieder
hingeführthaben?
Jodl. Waßanöt,woerumergreilt.
91 Ebda.,S.16.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen