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BRÜCHIGE ORDNUNG: PROTEST- UND REVOLUTIONSGESÄNGE/WILDSCHÜTZEN- UND RÄUBERLIEDER 235
denwird.125 DasLieddesPolidor,dasoffensichtlichimVolksgesangaufging,126 bedient
schon eingangs den Topos des vogelfreien Outlaws, der sich mit der Waffe in der Hand
seineigenesRechtschafft:
1
Werkann,alseinWildbrätschütz, lustiger seyn?
SeinStutzerl, seinStutzerlundersindallein.
ErnimmtaufdenBuggel seinStutzerl insHoltz,
Undgeht,
Unddreht
Baldhinum,baldherumseinStutzerlganzstolz.127
1,3 Buggel]Rücken
Die libidinösen Töne, die später mit Vorliebe an Sennerinnen und Bauernmägde ge-
richtet sind, gelten hier noch der Waffe, dem Stutzerl`, dem der Wilderer alleinige
Treue schwor und das ihn überall hin begleitet. Wer ihn von seinem herzige[n] Dieb
zu trennen versucht, dem droht
ein Loch 128 im Körper. Dieses Motiv der Waffe als
DingsymbolderFreiheit,dasgegendieherrschaftlichenForstbeamtenverteidigtwurde,
begegnetunsbereits inFlugschriftliederndes frühen18. Jahrhunderts,allerdings innur
schwach dialektaler Gestaltung, wie zwei Strophen aus dem um 1700 gedruckten Was
wollen wir singen, was fangen wir an zeigen sollen. Auch hier fordert der Wilderer
Ur-
berl`die Jäger lieberzumDuell, alskampflossein Büxerl` auszuhändigen:
4
Grüßdich GOttmeinHerrUrberl,was führestvoreinLeben,
deinwunderschönsBüxerl,dasmustduunsgeben,
undmustmitunsgeheninsRichtersWald-Haus,
dableibstduverborgen,kommst langnichtmehrheraus.
5
InsRichterWaldhäusledageh ichencknit,
meinwunderschönesBüxerldasgeb ichencknicht,
gehthabtesKurasche, thuteinsmitmirwagen,
nachzweenunddreyJägernthuichnichtviel fragen.129
5,1 enck]euch5,3 es] ihr Kurasche]Mut
125 DieHochzeitaufderAlm,einHirtenspiel inzweenAufzügen.In: [FlorianReichssiegel:]Pietasconiugalis
in Gismundo et Maria Tragoedia in scenam data ac Almæ Maiori et Academiæ Congregationi Salisbur-
gensi B.V. Mariae in coelos adsumptae dedicata a Poetica Saliburgensi v Calendas Maii. [Salzburg: Mayr
1768],f.A D.IndiesemText,derDialektnurinAnsätzenwiedergibt,wirddieWilderer-Thematik(noch)
vorwiegend mit arkadischen Topoi und dem Figuren- und Szeneninventar barocker Idyllik verbunden.
Vgl. zur InterpretationauchHochradner,AlpenländischerSingstil, S.137f.
126 Vgl. die (etwas stärker dialektal markierte) Fassung der Handschrift 727 der Oberösterreichischen Lan-
desbibliothek,eineStudentenliedersammlungausdemSalzburgerUmfeldder1770er Jahre, f. 254r v.
127 Reichssiegel,HochzeitaufderAlm, f.A2r.
128 Ebda.,A2v.
129 DreyschöneneueWeltlicheLieder,DasErste:Waswollenwirsingen,wasfangenwiran,esist jaeinfrem-
der Wild-Schütz in dem Land. Das Andere: Der Tauber der ist in das Holtz hinaus g' ogen. Das Dritte:
Ach wie quälen mich meine Gedancken. Jedes in seiner eignen Melodey zu singen. Gedruckt in disem
Jahr. [o.O.,o.J.,um1700].
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen