Page - 238 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Image of the Page - 238 -
Text of the Page - 238 -
OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR
238 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
28
hastäs swiltprät solanggrathn,
LastäsöbmnowidäRathn,
LastasRathnhastKaingschert,
WewaißwieLangsöpawehrt, 29
dH[err]nLaßnsonitdruzn,
BueväKhäffdäfüerdeinStuzn,
wilstmävolgnBeßmain ichsnit,
sistLastsdääsokhain fridt,135
26,1 do wäß gfält] es wäre falsch/verfehlt 26,2 sangmäs] sagen wir es 26,3 Thraidt] Getreide 26,4 offt] dann,
da, also ä saith] er sagt 27,1 Hiezt] jetzt omban] oben 27,3 ös] in das 28,1 grathn] entbehrt 28,2 öbm] eben
28,3LastasRathn] lassesdirraten28,4öpa]etwa28,4wehrt]währt,dauert29,1druzn] trutzen,Widerstand
leisten29,3 Beß]böse
Die Unruhen im Salzkammergut führten allerdings nicht zu einer Verbesserung der
Lage und so endet auch das Lied insgesamt in einem fatalistischen Ton: Die Wilderei
werdevielleichtnochHausundHof odergardasLeben kosten,nurwersichdarum
nicht kümmere, könne es weiterhin wagen. Den Strafenkatalog auf das Delikt vom
Pranger und der Kon szierung des Eigentums über eine Strafe im Zuchthaus oder gar
auf der Galeere führt ein Flugschriftlied aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts dras-
tisch vor Augen. Wie der Wildprät-Schütz gefangen worden war wohl als obrigkeitliche
Mahnunggedacht,diederBevölkerungdiedrohendenKonsequenzendesWildernsvor
Augenführensollte:
5
Grausetmirschond'Hautäbisl,
wirdmäfreyligschehäweh,
nitalleinkain faisteSchüßl,
eswirdheissenaufGallee,
bist einguterstarckerBruder,
dagehher,undnimmeinRuder,
hast schonlängstunserg'spott,
arbeit fortmeinGalioth. 6
MußmischonäWeildreingebn,
gehtsmirendlichwiedäwill,
wannmäführteinsolchesLebn,
Männergelts,das ist einSpil,
etwashab ichnochvonnöthen,
mei thutshalt fürmichwasbetten,
villeichtkemmänimmäz'sam,
Schörg fahr fort indessenNahm.136
5,3faiste]fette,wohlgefüllt5,8Galioth]Galeotte:RudereraufeinerGaleere6,2wiedäwill]wieesauchgehen
mag
Unmissverständlich aus der Perspektive der Herrschenden ist die Figur des Wilderers
auch in einem anonym überlieferten Dialektsingspiel aus dem oberbayerischen Augus-
tiner-Chorherrenstift Beuerberg angelegt. In dem noch heute witzigen, wohl nach der
Jahrhundertmitte entstandenen Podagra-Stück, das den Kampf der antiken Götterwelt
gegen die personi zierte Stoffwechselkrankheit in herrlich unmanipulierter westmittel-
bairischer Mundart mit einer Unmenge an bildstarken und hochkomischen idioma-
tischen Wendungen in Szene setzt, wird das klapperdürre Schulmeisterlein Dolloruki
(
der dirling, wo nix als haut vnd Pai 137) vom grimmigen Götterförster Actaeon auf
frischerTatdabeiertappt,wieeseinEichhörnchenerlegt:
135 EinschenesLiedtoderPaurnDiscursVondemWiltprädtSchiesßen.
136 Fünf schöne neue Weltl. Lieder. [o.O., o.J.], f. 2r v. Das einzige uns bekannte Exemplar im Archiv der
Stadt Linz (Sammlung Klier: 55/9 143) ist nur fragmentarisch erhalten, das fünfte Lied fehlt. Inhalt: 1:
Der Wildprät-Schütz. Hab mein Lebtag sagn hörn. 2: Wie der Wildprät-Schütz gefangen worden. Schaut
nä,was ichhanangfangä.3:VondenenAufschneidern,undEhrabschneidern.NunwollenwiraufSchnei-
der-Art.4:HerrWirtheingutenTag.
137 Bayerische Staatsbibliothek, Cod. germ. 5719/6a, f. 6v 7r. Erstmals ediert wurde dieses bemerkenswerte
Klostersingspiel im Rahmen einer Diplomarbeit von Katharina Steiner: Heft 6a aus der Sammlung Büh-
back to the
book Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen