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INSZENIERUNGEN DES BAUERNLEBENS 251
InszenierungendesBauernlebens:KlageundLob
Bauernklagen stehen am Beginn der bairisch-österreichischen Dialektdichtung und
bleiben in ihren Variationen weit ins 19. Jahrhundert hinein beliebt. Wie Hermann
Strobach in seiner heute noch als Standardwerk dienenden, freilich in vielen Details
mittlerweile zu ergänzenden bzw. zu revidierenden Studie zeigte, sind die Gründe für
diebeinahegenretypischeGestaltungsambivalenzinihrenUrsprüngenzusuchen.4Eine
Traditionslinie ist im Theatralen zu nden, bei den närrischen und klugen Bauern
des Fastnachtspiels und den manipulativen Darstellungen des gegenreformatorischen
Schultheaters, die die Leiden des potentiell revoltierenden Bauern nicht negierten, aber
sozialdisziplinär als angestammte Lage des mit komischen Zügen versehenen Land-
mannsvorführten.DieserCharakterisierung
vonoben`,dieaufdieUnantastbarkeitder
gottgegebenen ständischen Ordnung pochte, standen wesentlich mitfühlendere, ankla-
gende Schilderungen in parteiergreifenden Flugschriften entgegen, die für den Bauern-
standuntragbareZuständeaufzeigten.
Der wirtschaftliche Druck, der auf den Bauern im 17. und 18. Jahrhundert lastete,
war tatsächlich enorm.5 Gravierend genug waren bereits die oft willkürlich erhöhten
landesfürstlichen Steuern (Landsteuer, Rüstgeld und Kopfsteuer), der Zehent für die
Grundherrschaft, die vielfältigen Naturalienabgaben und die extrem zeitaufwändigen
Robotdienste.Dazukamennoch jenachRegion dieFreigelderundVeränderungsge-
bühren(beiHeirats-undÜbergabeverträgen,beiKaufundSchenkung),dasSterbhaupt
(d.i. eineViehabgabebeiTodesfall),dievielfältigenTaxenfürAmtshandlungenundder
Anfeilzwang, also die P icht, Produkte zuerst dem Grundherrn zum Kauf anzubieten.
Die leibeigenenBauernwarenoftmalsgezwungen,diegrundherrschaftlichenTavernen,
Mühlen, Back- und Presshäuser zu verwenden und Erzeugnisse grundherrschaftlicher
Betriebe zu erwerben, sie hatten nur ein eingeschränktes Verfügungsrecht über ihren
Haus- und Grundbesitz und durften sich in vielen Gebieten nicht mit Umzäunungen
gegen Wildschäden schützen. Zumal in Kriegszeiten verschärfte sich die Situation für
die Bauern noch durch die Rekrutierung des Arbeitspersonals, die Requirierung von
Zugtieren, Verp egung und Futter sowie die Soldateneinquartierungen bei Truppen-
durchmärschen, ganz zu schweigen von den Verwüstungen durch feindliche Truppen
oderdenFolgenvonEpidemien.
Schon die älteste uns überlieferte bairisch-dialektale Bauernklage greift viele die-
ser Aspekte auf. Daß paurn werkh ist ganz nix mehr werth, offenbar in der Nähe von
Landshut entstanden, ist ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts belegt und ver-
4 Vgl.HermannStrobach:Bauernklagen.UntersuchungenzumsozialkritischendeutschenVolkslied.Berlin:
Akademie-Verlag1964.
5 Vgl.u.a.WernerRösener:DieBauernindereuropäischenGeschichte.München:Beck1993. AndréHo-
lenstein: Bauern zwischen Bauernkrieg und Dreißigjährigem Krieg. München: Oldenburg 1996. Georg
Grüll: Bauernhaus und Meierhof. Zur Geschichte der Landwirtschaft in Oberösterreich. Linz: Oberösterr.
Landesarchiv 1975. Georg Grüll: Die Robot in Oberösterreich. Linz: Oberösterr. Landesarchiv 1952.
SylviaWurm:DieBauernim18. Jahrhundert. In:Adel Bürger Bauernim18. Jahrhundert.Ausstellung
des Landes Niederösterreich. Schallaburg '80. 1. Mai bis 2. November 1980. Wien: [o.V.] 1980. (Kataloge
desniederösterreichischenLandesmuseums.NF.96)S.38 43.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen