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256 LAND- UND STADTLEBEN
hartes Dasein klagende Hirten-Bauer` konnte mühelos in die Handlung integriert wer-
den,jaunterstrichinderexponiertenBedürftigkeitnochdiefroheBotschaftdesMensch
gewordenen Erlösers.11 Auch als kontrastiver Akzent ließ sich älteres Liedgut wieder-
verwerten, wie das Standeslied Das Bauernleben, ich sags grad eben im Traismaurer
Krippenspielbelegt.
Bauernklagen konnten aber auch Teile anderer Liedformen sein und funktionale
Aufgabendarinübernehmen;soetwaimsozialkritischenWildererlied(vgl.GuettenTag
mein Lieba Jodl, Kap.3), wo die existenziellen Nöte der Bauern als Rechtfertigung des
Gesetzesbruchs dienen, oder selbst im Liebeslied wie in Alle Leut sehens nicht gern (vgl.
Kap.7), wo Versatzstücke aus diesem Genre den sozialen Kontext umreißen. Ein sehr
altes Liedamalgam aus Bauernklage und bramarbasierendem Landsknechtwerbelied ist
WemklagichElenderBauerMeinNoth,dasunserstmals17-strophig1677inderältesten
Fassung des Singbuchs Ehrliche Gemüths-Erquickung begegnet, etwas stärker dialektal
dannineinerguteinJahrhundert jüngerenhandschriftlichenVersion,12 die mitweni-
gen Abänderungen erstaunlich unzersungen erscheint.13 Der jammernde Bauer fasst
in dieser Klage den Entschluss, sich anwerben zu lassen, um der alltäglichen Misere zu
entgehen:
1
WEmklag ichelenderBauermeinNoth/
wasmußichdochanheben?
sollt einer lieberseyntausendmahl todt/
als soelendig leben/
beyTagundbeyNacht/
derBuckelmirkracht/
undistdasewigGeben. 2
War ichvorZeitenein lustigerBue/
warkeinermeinesgleichen/
jetzthab ich jagarkeinAugenblickRuhe/
dasGlückvonmirwillweichen/
wiewirdsmirnochgehn/
ichkannnichtbestehn/
keinMenschwillmirwas leichen.
3
Sitz inelendenHäuselbeymWeib/
diealthebtanzugronen/
dawirdmirumbkhertderMageninLeib/
thuetmeinernichtverschonen/
pentztewigundgreint/
undistmirso feind/
ichkanmit ihrnichtwohnen. 4
DieHöppingibtmirallegöltigeTag/
nichtsals stainharteKnoden/
siewaißdaßichnichtsvonHabermelmag/
undseyndkaumhalbgesodten/
gargarschtigundsper/
danimbichhalther/
undschmitzsieandenBoden.
11 Vgl.auchLeopoldKretzenbacher:FrühbarockesWeihnachtsspiel inKärntenundSteiermark:Klagenfurter
undGrazerWeihnachtsspieltextedesfrühen17. JahrhundertsalskulturhistorischeDenkmälerderGegen-
reformationinInnerösterreich.Klagenfurt:GeschichtsvereinfürKärnten1952.(Archivfürvaterländische
GeschichteundTopographie)S.22. Weinhold,Weihnacht-Spiele,S.154,215.
12 Vgl.Wienbibliothek imRathaus,H.I.N.215903 (Wemklag ichElenderBauerMeinNoth).
13 Sprachlich relativ weit entfernt von diesen beiden Fassungen ist das standarddeutsche Wem klag ich ar-
mer Bauer meine Noth, das Ditfurth 1875 aus einem alten geschriebenen Liederbuch wiedergibt. Vgl.
Franz Wilhelm von Ditfurth (Hg.): Einhundertundzehn Volks- und Gesellschaftslieder des 16., 17. und
18. Jahrhunderts mit und ohne Singweise. Nach iegenden Blättern, handschriftlichen Quellen und dem
Volksmundegesammelt.Stuttgart:Göschen1875,S.237 240;wiederabgedrucktinStrobach,Bauernklage,
S.289ff.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen