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KOMISIERUNG UND DISKREDITIERUNG LÄNDLICHER TYPEN 271
6,3 ä wengäl daeint ös zammä laein] ein wenig schlichten sie sie zusammen 6,8 klafftern] Klafter: Hohl-
maß 7,8 enkh] euch 8,3 häftl] Häkchen (anstelle eines Knopfs) Pfaeid] Hemd 8,4 linser knon] Linsenknödel
8,6 P ndl]Pfund(?)8,8 eps]etwas
Häu ger allerdings als die Modesucht der Bauern wird jene der Stadtbewohner im dia-
lektalen Lied verspottet und das affektierte urbane Leben mit der Simplizität des Dorf-
lebens konstrastiert, so etwa in Lindemayrs bekannten Trutzliedern Vöstung, Schlössä,
Märk, und Stödt und Sagnt allweil vom Stadtlöbn. Besonders lächerlich ist das Gehabe,
wenndietatsächliche nanzielleSituationdasaufwändigeZurschaustelleneineselitären
Status konterkariert und selbst die Grundversorgung für den schönen Schein geopfert
wird:
4
Wieoft istdäBeutl,unddHosensäckeitl,
LeinthungäschierdurchdöganzWochä
Unddennäthaintd' lappen,
sostolzdaher trappen
InKlaidäbrachtschimmern,undpochä.
TragntoftäfnHutäPlumäschi
Undhabntdiernt inEllbognsGoräschi
Toppe,undHarzopfen,
ÖsöllendignTropfn,
Häts liebägnugz' fressendäfür
I schißäfdöHerrnManier. 5
WerfraidumdenBlundä, inGey ißviel rundä
WannsStrohtachgleichz' löchert,undz' rissen
Dafristmäschwarzbrockä,
undbainföstöNockä
UndhatdochdabeyägringsGwissen.
Dahörtmäniemtgransen,undpenzen
UmsFürgehn,undumBraecedenzen
bräfWind,undgroßSachä
UndSchwengdähermachä
Seymeinthalbn inStädtnd'Manier
InGey istsänunbekanntsThier.32
4,2 Leint] leiden 4,3 dennä thaint] dennoch tun 4,5 pochä] sich zur Schau stellen 4,6 Plumäschi] Feder-
schmuck als Aufputz von Hüten (vor allem des Militärs) 4,7 diernt] dennoch, doch Goräschi] Courage, Mut,
Beherztheit4,8Toppe]Toupet4,9Ös]ihr5,1Gey]ländlicheGegend(imGegensatzzurStadtgegend)5,4bain-
föstö] knochenharte 5,6 gransen] murren penzen] quengeln, jammernd um etwas bitten, (auch:) nörgeln,
keifen5,7 Braecedenzen]Präzedenz:Rangfolge,Vortrittbeiof ziellenAnlässen,z.B.beiProzessionen
Erheblich älter ist das folgende Lied
Von einem bairischen [i.e. bäurischen] baurn`, in
demmitStädterdünkelundBauerneinfaltgleichzweiTopoibedientwerden.DieseVer-
knüpfungzweiernurscheinbarwidersprüchlicherMotiveistbereits ineinerVersionaus
dem 17. Jahrhundert belegt und konnte sich zumindest ein Jahrhundert lang im Volks-
gesang halten.33 Komische Inversion begegnet uns bereits in der ersten Strophe: Durch
denbewusstambivalentenAusdruck gschlechterHerr`,dermitdenKonnotationen ge-
wöhnlich,gemein` und adelig,vonGeschlecht`spielt,wirddasVerhältnisdererausdem
gemeinen Volk` und der hohen Herren` umgedreht und Bauer` gewissermaßen zum
Ehrentitel:
1
Ibinäbaurvndbinsrechtgeren
dauschetwolmitkaimgschlechtenherren
wollanIwildasbayrische löben
weil IaufErdenbinimmeraufgöben.
32 Lindemayr,Dialektlieder I,S.153f.
33 Ich bin halt ä Baur wie muß i denn macha ist sowohl im Druck (Vier schöne ganz neue Weltliche Lieder,
Wienbibliothek A 21960, Bd. I, 7) als auch handschriftlich (Bayerische Staatsbibliothek, Cod. germ. 7340,
Teil2,S.151f.)ausderZeitum1790 1800überliefertundverknüpft inganzähnlicherWeisedieKritikan
denstädtischenSittenmiteinerKomisierungderBauern gur.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen