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304 LAND- UND STADTLEBEN
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MitGunst, iwill änPlodrä thain,
Was isthaltnitäBindä!
Werdösnitglaubt,ghörtwie imain
NurunterdSchöpsundRindä;
Gott schicktdenWein, washälf insdas
Wanns fehlätanänghöbignVaß?
Undd'Vässermacht,wollt'swissenwer?
DäBindäaufderSteer. 2
WashälfendGschirr,umdöisieg
DaßdLeutäsothainstrapeln,
WashälfenalleKandlkrieg
MitgrossenBauchundSchnabeln.
Z'erstmußäTrunkinVässel sein
UndnachäfühltmädPluzerein;
Gseztalso,daßkeinBinderwär
BliebnitderPluzer lär?92
1,1 Plodrä] Plauderei, (hier:) Spruch, Erklärung, Aussage 1,4 Schöps] Hammel 1,6 ghöbign] ghöbi(g): fest,
stark,gutgebaut1,8Steer]Ster,Stör: tageweiseArbeitumLohnundKosteines(zuweilenungelernten)Hand-
werkers, der in früheren Zeiten damit die Zunftbestimmungen umging 2,1 sieg] sehe 2,2 strapeln] schnell,
gierig nach etwas greifen 2,3 Kandlkrieg] Krüge mit Henkel 2,6 Pluzer] dickbauchiger Tonkrug mit engem,
verschließbaremHals
Obwohl sie ihren Ursprung im realen volkskulturellen Alltag haben, sind die literari-
sierten Standesvertreter in ihrer Stilisierung weitgehend von jeglichen Authentizitäts-
ansprüchen entkoppelt. Diverse Elemente ihrer Gestaltung mögen zwar durchaus der
Wirklichkeit entsprechen dies betrifft vor allem (stets typische!) Arbeitsgegenstände,
Utensilien,KleidungoderAktionen
,dochstehendieseKomponenteneinzigimDienst
der Typenmanifestierung. Stilisierung und Karikierung bedienen in diesem Sinne Kli-
schees, die dem Publikum eine gemeinsame Basis zum Lachen und Verlachen bieten
und durch den intersubjektiven Erkennungswert die Belustigungs- und Unterhaltungs-
funktion stützen. So überrascht es wenig, dass ebendiese Typen gerade auf der Bühne
besonders stark zum Einsatz kommen, wo sie in der Mannigfaltigkeit unterschiedlicher
Verkleidungsrollen einen wesentlichen Bestandteil ausmachen. Berufslieder werden in
Gesangseinlagen motivisch aufgegriffen oder ießen als Versatzstücke ein; teils weisen
bereits die Stücktitel auf entsprechende Typen hin,93 teils erschöpfen sich auch ganze
DramenineinemTypenarrangement.
Wie beliebt dieses Genre um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Wien war, belegt
einevierbändigeSammelhandschriftmitArienausinsgesamt261Stücken,diezwischen
1737 und 1757 am Kärntnertor-Theater in Wien aufgeführt wurden.94 Zwei Beispiele
sollen die Vielfalt an typisierten Berufsliedern andeuten, die dort zum Einsatz kamen.
In der Komödie Colombina, der Zwilling bringt Jackerl, ein Schuster Bue ein Loblied
auf seinen Stand, das Struktur und Motive traditioneller (zumeist standardsprachli-
cher) af rmativer Standeslieder übernimmt, jedoch mit komischer Gegenbildlichkeit
undGrobianismendenUnterhaltungswert steigert:
92 Lindemayr,Dialektlieder I,S.136.
93 Sieheetwadie fürdasWienerKärntnertortheaterbelegtenStückeDieeigensinnigeStroh-Schneider-Zunfft,
Bernardon Zettel-Trager der Comoedianten von Lion, der nothgezwungene Holippen Bube, und betrogene
Vogel-Jäger-Jung, Der durch Ränke glüklich gewordene Wiener als slawakischer Leinwandhändler u.a.m.
Anknüpfungspunkte nden sich etwa auch in den in Kap.5 erwähnten Musikstücken Die Fratschler-Wei-
beramSchanzel,DerWiennerischerTändlmarckt u.a.
94 TeutscheArien,WelcheaufdemKayserlich-privilegirtenWienerischenTheatroinunterschiedlichprodu-
cirten Comoedien, deren Titul hier jedesmahl beygerucket, gesungen worden. Österreichische National-
bibliothek, Cod.12706 12709; eine zweite Fassung ndet sich in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar
(HAABQ592c).
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen