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316 LAND- UND STADTLEBEN
Die Mehrstimmigkeit des Markts selbst aber, mit dem Neben- und Übereinander ver-
schiedenerRufe,wirdamstärkstenim
Chorus`eingefangen,der inderArteinesQuod-
libets den Anfang und Schluss des Stücks bildet und in dem auf die verschiedenen
Stimmen verteilt die Rufe der Marktleute wiedergegeben werden: neben dem Sägefei-
ler ( Sagfälln, Sagfälln
) und dem italienischen Schausteller (
O söner rarite, o söner
Spiliwerckh, wer will seh guckh in die Lokh ) ein Milchverkäufer ( Käfts Milli Frau,
än Millräm oder än Budä
), ein Sandhändler ( Käfts än Sand, käfts än Sand ), ein
Bandelkrämer ( Bändl, käfts än Zwirn ), ein Rettichverkäufer ( rerererererererererere-
rererettich ),weiterseinSchausteller( Lalaternamagica ),einWürstelverkäufer( Kafts
Säfäladri Würst sänd gantz warm ), ein Hadernsammler ( koäni alten Leibstücker zu
verkäffä, alti Hüet oder Haasenbalck ) und schließlich ein Kolporteur ( Än neue Zeit-
tungumänCreuzer,daßGottärbarm ).124AuchmusikalischpointiertwerdendieKauf-
rufenachgebildet vondengedehnten Sag fälln -Rufen,diemitdenlautmalerischen
punktierten Sechzehnteln der Violinen in steigenden und fallenden kleinen Intervallen
kontrastieren, bis zum schnellen, rhythmisierenden Sprechgesang des Rettichhändlers
oder des Lumpensammlers. Dazu sollen die Instrumentalstimmen mit ihrem hohen,
hellen Klang wie Werner bereits am Titelblatt ankündigt das sogenannte Brein-
glöckl imitieren, also die Primglocke bei St. Stephan in Wien, die bis ins Jahr 1784
immer morgens zur Prim` (um 6Uhr früh) läutete und damit auch das Signal für den
ArbeitsbeginnderHandwerkerundHändlerdarstellte.125
Obwohl Werner insgesamt um eine naturalistische` sprachliche und musikalische
Gestaltung bemüht ist er schreibt selbst in seinem Avertissement , dass in dem
Choro alles natürlich begriffen, wie jedwedere ihre Waaren allda zum Verkauf p egen
auszuruffen
, stehen (auch) in diesem Fall die Regeln der Komposition im Vorder-
grund und die Rufe sind in Harmonie und Rhythmus aufeinander abgestimmt. Sowohl
die Übernahme des Dialekts als auch die musikalische Gestaltung der Kaufrufe dürfen
dahernichtperseals
dokumentarisch` verstandenwerden.Eshandelt sichbeiWerners
Stück um bewusst volkstümliches Barocktheater für gehobene Schichten,126 das wie
es am Titelblatt heißt für die Vorführung bey vornehmen Gastmahlen und ande-
renlustigenGesellschaften gedachtwar.AuchdiedialektalesprachlicheGestaltungder
KaufrufedientindiesemZusammenhangalsoalsbewussteingesetzte,stilisierteSprach-
form. Dieses Tandlmarkt-Quodlibet von Werner kann als bekanntestes angenommen
werden,stehtabernichtallein:AlsweiteremusikalischeBearbeitungenausdem18.Jahr-
hundert bekannt sind eine Fassung des Wiener Komponisten und Violinisten Karl von
Ordonez(DeraltewienerischeTandelmarkt,1779)127 vermutlicheineBearbeitungdes
Stücks von Werner und ein um 1770 entstandenes Faschings-Quodlibet aus dem Stift
124 Ebda.,passim.
125 Vgl.Moder,WienerischerTandlmarkt,S.34.
126 Vgl. Richard Moder (Hg.): Gregor Joseph Werner: Die Bauren-Richters-Wahl. Für 5 Singstimmen (3
Tenöre,2Bässe),2ViolinenundBassocontinuo.Erstdruck.Partitur,Streicherstimmen.Wien,München:
Doblinger1968. (DilettoMusicale171)S.2.
127 Die Musik gilt als nicht überliefert, der Druck des Textbuchs ist in der Wienbibliothek im Rathaus vor-
handen(Mc-55305); einigeTextpassagenwerdenbeiDeutsch,Ein
WienerischerTändelmarkt`, zitiert.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen