Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Historische Aufzeichnungen
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Page - 316 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 316 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

Image of the Page - 316 -

Image of the Page - 316 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

Text of the Page - 316 -

OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR 316 LAND- UND STADTLEBEN Die Mehrstimmigkeit des Markts selbst aber, mit dem Neben- und Übereinander ver- schiedenerRufe,wirdamstärkstenim‚ Chorus`eingefangen,der inderArteinesQuod- libets den Anfang und Schluss des Stücks bildet und in dem auf die verschiedenen Stimmen verteilt die Rufe der Marktleute wiedergegeben werden: neben dem Sägefei- ler („ Sagfälln, Sagfälln“ ) und dem italienischen Schausteller („ O söner rarite, o söner Spiliwerckh, wer will seh guckh in die Lokh“ ) ein Milchverkäufer („ Käfts Milli Frau, än Millräm oder än Budä“ ), ein Sandhändler („ Käfts än Sand, käfts än Sand“ ), ein Bandelkrämer („ Bändl, käfts än Zwirn“ ), ein Rettichverkäufer („ rerererererererererere- rererettich“ ),weiterseinSchausteller(„ Lalaternamagica“ ),einWürstelverkäufer(„ Kafts Säfäladri Würst sänd gantz warm“ ), ein Hadernsammler („ koäni alten Leibstücker zu verkäffä, alti Hüet oder Haasenbalck“ ) und schließlich ein Kolporteur („ Än neue Zeit- tungumänCreuzer,daßGottärbarm“ ).124AuchmusikalischpointiertwerdendieKauf- rufenachgebildet– vondengedehnten„ Sag– fälln“ -Rufen,diemitdenlautmalerischen punktierten Sechzehnteln der Violinen in steigenden und fallenden kleinen Intervallen kontrastieren, bis zum schnellen, rhythmisierenden Sprechgesang des Rettichhändlers oder des Lumpensammlers. Dazu sollen die Instrumentalstimmen mit ihrem hohen, hellen Klang – wie Werner bereits am Titelblatt ankündigt – das sogenannte „ Brein- glöckl“ imitieren, also die Primglocke bei St. Stephan in Wien, die bis ins Jahr 1784 immer morgens zur ‚ Prim` (um 6Uhr früh) läutete und damit auch das Signal für den ArbeitsbeginnderHandwerkerundHändlerdarstellte.125 Obwohl Werner insgesamt um eine ‚ naturalistische` sprachliche und musikalische Gestaltung bemüht ist – er schreibt selbst in seinem „ Avertissement“ , dass „ in dem Choro alles natürlich begriffen, wie jedwedere ihre Waaren allda zum Verkauf p egen auszuruffen“ – , stehen (auch) in diesem Fall die Regeln der Komposition im Vorder- grund und die Rufe sind in Harmonie und Rhythmus aufeinander abgestimmt. Sowohl die Übernahme des Dialekts als auch die musikalische Gestaltung der Kaufrufe dürfen dahernichtperseals ‚ dokumentarisch` verstandenwerden.Eshandelt sichbeiWerners Stück um bewusst volkstümliches Barocktheater für gehobene Schichten,126 das – wie es am Titelblatt heißt – für die Vorführung „ bey vornehmen Gastmahlen und ande- renlustigenGesellschaften“ gedachtwar.AuchdiedialektalesprachlicheGestaltungder KaufrufedientindiesemZusammenhangalsoalsbewussteingesetzte,stilisierteSprach- form. Dieses Tandlmarkt-Quodlibet von Werner kann als bekanntestes angenommen werden,stehtabernichtallein:AlsweiteremusikalischeBearbeitungenausdem18.Jahr- hundert bekannt sind eine Fassung des Wiener Komponisten und Violinisten Karl von Ordonez(DeraltewienerischeTandelmarkt,1779)127 – vermutlicheineBearbeitungdes Stücks von Werner – und ein um 1770 entstandenes Faschings-Quodlibet aus dem Stift 124 Ebda.,passim. 125 Vgl.Moder,WienerischerTandlmarkt,S.34. 126 Vgl. Richard Moder (Hg.): Gregor Joseph Werner: Die Bauren-Richters-Wahl. Für 5 Singstimmen (3 Tenöre,2Bässe),2ViolinenundBassocontinuo.Erstdruck.Partitur,Streicherstimmen.Wien,München: Doblinger1968. (DilettoMusicale171)S.2. 127 Die Musik gilt als nicht überliefert, der Druck des Textbuchs ist in der Wienbibliothek im Rathaus vor- handen(Mc-55305); einigeTextpassagenwerdenbeiDeutsch,Ein ‚ WienerischerTändelmarkt`, zitiert.
back to the  book Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Title
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Subtitle
Eine andere Literaturgeschichte
Authors
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2019
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
652
Keywords
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Categories
Geschichte Historische Aufzeichnungen
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800