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LOKAL- UND GESELLSCHAFTSSATIREN 331
Köchin. MehralseinhalbenGuldendarf ichnichtgeben.
Fleischhacker. Magd'JungferkeinKaß?
Köchin. Um12Groschenauchnit?
Fleischhacker. Izt laßdihamgeignen.
Köchin. Nu!SobehütdenHerrnGott!HerrHansmichel.
Fleischhacker. GehnurdeinschwabischenGang.
Esthutmir leid,esoffenherzigsagenzumüssen,daßnichtetwanblosdieKnechte,sondernwohl
auch ein guter Theil der Fleischhackermeister selbst diese grobe pöbelhafte Sprache mit ihren
Kundschaften führen. Schon an sich ist es unanständig, und gesezwidrig, Jemandem Injurien zu
sagen;aberunverzeihlichistes, solcheSchimpfwörtergegenLeuteauszustossen,vondenenman
lebt.
Wemesetwanauffallensollte,daßdieMagdnichtganzdenWienerdialecktrede,derbeliebesich
zu erinnern, daß sich die Aussprache der Köchinen, seitdem galante Herrn und wohl auch alte
hinkende Kavaliers mit ihnen zu Markt und zur Fleischbank gehen, verfeinert und verbessert
habe.158
saubers]hübsches, schöneshatmich... nichtausgemacht] jem.ausmachen:be-/ausschimpfen(dieRededer
Köchin ist hier ironisch zu verstehen) Greinets] Verweis, Schelte das g'rath dir] (geraten: gut ausfallen) das
passt dir 12 Groschen] 12 Groschen = 0,6 Gulden (die Köchin versucht also zu handeln und bietet mehr als
einen halben Gulden; der Fleischhacker, der einen halben Taler, also einen Gulden verlangt hat, weist sie aber
zurück und schickt sie heim) Izt laß di ham geignen] verschwinde Geh nur dein schwabischen Gang] mach
dichdavon(dieSchwabengaltenalsdieängstlichstenDeutschen,derschwäbischeGangistalsoderRückzug,
dasDavonlaufen)
Wie sprachbewusst Richter als würdiger Vorläufer von Kraus seine Figuren gestaltet,
zeigt sich nicht zuletzt in seinen nachgestellten Kommentaren. Auch beim folgenden
Muster eines politischen Kannengiessers. Super fein, das eine Kafehausscene nachstellt,
beteuert er, dass er das Gespräch bis auf unbedeutende Zusäze, so niedergeschrieben
habe,wie [er]esmiteignenOhrenanhörte. :
Ein langer Tisch, an dessen Spitze ein bemittelter und wohl ausgefütterter Bürger das Präsidium
führt.Erhat sichbereitsdermeistenpolitischenZeitungenbemächtiget.DerrechteEllenbogen liegt
auf dem Erlanger, mit dem Linken hält er die Frankfurter gefangen; die Wiener-Zeitung hat er in
derHand,unddenRegenspurger (Sicherheitshalber)unterdemHintern.
EinKaminfeger. Nu!wirdnochKrieg?
DerPräsident. Er ist schonsovielals richtig.wieder fortlesend
DerKafesieder. Glaub nicht, daß's zu was kommt. Das Ding daurt mir schon gar z'lang; denn
schaun die Herrn, ich hab das in meinem Kafehaus g'merkt. Da hat's schon oft Handel gebn;
wenns'aberz'langmiteinandergwörtlthaben, so ist'sniezumRaufenkommen.
EinSchneider. Nun ja itzt vergleicht der eine Rauferey mit dem Krieg! glaubt der Herr g'wis
d'MonarchenzankenwegeneinerPartieBillardoderBrandln?
EinPerückenmacher. Ich wett halt auch noch immer drauf, daß wir ein Krieg kriegn man
wird gwis d'Soldaten umsonst so ein weiten Weg gar in's Niederland hinein gehen lassen? Das
hieß jad'Leutg'foppt.
DerKaminfeger. Das heißt wohl in Tag hinein g'redt. Wenn der Herr sein Jung in d'Vorstadt
Geldeinkassirenschickt,underbringtkeinsnachHaus, isterdeswegeng'fopptworden?Muß
der Diener nicht hingehn; wo ihn sein Herr hinschickt und sind d'Soldaten was anders als
dieDienervomStaat?
158 Richter,WienerischeMusterkarte1785, II,S.21 24.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen