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5 FREMDES UND EIGENES
Stärker als dem Standard ist dem Dialekt die Differenzierung zwischen fremd` und
eigen` inhärent, ist ihm doch regionale Zuordnung und damit eine potentielle, wenn
auch variabel ansetzbare Grenze konstitutiv eingeschrieben. Das zeigt sich nicht zuletzt
bei den verschiedenen De nitionsversuchen. Denn im Gegensatz zur dezidiert überre-
gionalenSchriftsprache,einer Kunstsprache`,dieaufeinenkommunikativenAusgleich
abzielt, ist die Beschreibung eines Dialekts immer nur in der Distanz zum Nicht-Dia-
lektalen möglich.1 Die identitätsstiftende Funktion des Dialektalen operiert dement-
sprechend wesentlich mit verschiedenen Arten der Fremderfahrung, in der man sich
wiederum des Eigenen versichert.2 So kann es nicht wundern, dass Dialektliteratur, die
raschmiteinerselbstgewähltenBeschränkungaufdasEigene,das Eigentliche`assoziiert
wird,aucheinnichtzuunterschätzendesSensoriumfürdasAnderezeigt,dasvorrangig
imFremdenalsnichtzureigenenGruppeZugehörigen indenBlickrückt.
Thematischbzw. funktional lassensichbeiderAuseinandersetzungmitFremdemin
bairisch-österreichischen Texten vor 1800 drei zuweilen auch interferierende Per-
spektiven differenzieren: 1. die abgrenzende Fremdsetzung, 2. die Verständigung über
das Eigene und 3. die Dichotomienaufhebung. In Texten der ersten Kategorie wer-
den Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem gezogen, wobei mit der Andersartigkeit
sowohlpositivealsauchnegativeKonnotationenverbundenseinkönnen,aberauchim-
mer wieder eine zunächstneutrale Neugier auf das Kuriose und Exotische. Dominantes
Merkmal ist hier die sprachliche Differenz, die sich von der minimalen regiolektalen
Abweichung bis hin zur Anderssprachlichkeit erstrecken kann. Zentral ist sowohl auf
mündlich-klanglicher wie auch auf graphematischer Ebene immer wieder das Spiel mit
dem Verstehen/Nicht-Verstehen und der Dechiffrierlust des Publikums. Dazu kann
der Fokus auf das mit der fremdländischen Herkunft verbundene Aussehen kommen,
aber auch Waren, Dienstleistungen oder Verhaltensweisen werden gerne ins Blickfeld
gerückt. Mit dem Staunen über das unbekannte Andere geht oft das Lachen darüber
einher.JedeutlichermitderDarstellungdesFremdeneineAbgrenzungverbundenwird,
je mehr also das Fremde ausdrücklich als völlig Anderes inszeniert wird, desto stärker
rücken Verhandlungen über das Eigene in den Vordergrund, die sowohl negativ (kri-
tisch)alsauchpositiv(af rmativ)ausgerichtetseinkönnen:KritischeAussagenüberdas
Eigene können mit einer tendenziell eher positiven Darstellung des Fremden verbun-
den sein, die der eigenen Kultur den Spiegel vorhält. Häu ger wird mit der Darstellung
des Fremden aber eine positive Bestätigung des Eigenen verbunden, was in bewusst
politisch-propagandistischer Weise genutzt werden kann (wie bereits im 2. Kapitel aus-
1 Vgl.Löffler,Dialektologie,S.8.
2 Vgl. Corinna Albrecht: Fremdheit. In: Alois Wierlacher/Andrea Bogner (Hg.): Handbuch interkulturelle
Germanistik. Stuttgart/Weimar: Metzler 2003, S.232 238, hier 233 235. Andrea Leskovec: Einführung
indie interkulturelleLiteraturwissenschaft.Darmstadt:WissenschaftlicheBuchgesellschaft2011. (Einfüh-
rungGermanistik).
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen