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354 FREMDES UND EIGENES
dert sind entsprechende Rollen auch in Volksschauspielen belegt.35 Die Ölträger-Figur
fand auch später – bis über den deutschsprachigen Raum hinaus – weite Verbreitung
undwarnochim19. Jahrhundertals (literarischer)Typusweithinbekannt.36
Grundlage des literarisierten Stereotyps waren die vor allem aus dem Zillertal stam-
menden Ölträger (bzw. Olitätenhändler, Buckelapotheker oder Balsamträger), die als
umherziehende Händler verschiedenartige Arzneien verkauften – hausierend oder auf
Märkten.PrädestinierendfürdieAusprägungeinesTypenbildswardieauffällige,durch
die spezi sche Zillertaler Tracht vergleichsweise einheitliche Erscheinung dieser Wan-
derhändler, die oft auch als Laienheiler tätig waren: blauer Kittel, Tuchgamaschen, aus-
ladender Hut und vor allem eine am RĂĽcken getragene Truhe bzw. Kraxe, in der die
Arznei- und Haushaltsmittel transportiert wurden. Dieser hohe visuelle Wiedererken-
nungswert kommt auch in so manchen Liedern zum Ausdruck, die eingangs gerne auf
die Bekanntheit des Rollen-Ich verweisen.37 Der Olitätenhandel unterlag im 17. und
18. Jahrhundert immer wieder Verboten; die Bevölkerung aber – unabhängig von so-
zialer Schicht – schätzte die vagierenden Händler und ihre Mittel, leisteten die Ölträger
docheinennichtzuunterschätzendenBeitragzurSicherstellungdermedizinischenVer-
sorgung am Land.38 Umgekehrt stellte die Tätigkeit für die Bewohner des Zillertals vor
dem Hintergrund schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen – etwa durch den Nieder-
gang des Bergbaus in der Gegend – eine einträgliche Verdienstmöglichkeit dar. Bereits
ausdemJahr1683isteine landesfĂĽrstlicheBefugniszumVerkaufselbstverfertigterArz-
neienerhalten.39
Als literarische Figur tritt der Tiroler Ölträger40 in einer Reihe von Liedern und
Theaterstücken auf, gemäß der Typencharakteristik und zur sozialen bzw. regionalen
Verortung auch gerne als Dialektsprecher. Zumeist ist er als lustige Figur angelegt, mit
Hanswurstanklängen in seinem Auftreten und Sprachwitz, der – wie in der Schulko-
mödie Pavonius41 – so in seinem Register verharrt, dass sich auch sein ansonsten rein
standardsprachlichesGegenüberzumundartlichenAnklängenverleiten lässt:
35 Vgl. Karl Mair: Die Öltrager des Zillertals. In: Tiroler Heimatblätter. Monatshefte für Geschichte, Natur-
undVolkskunde11(1933),H.7/8,S.263– 265.– AntonDörrer:ZillertalerVolksschicksale,gesehenanden
Schicksalen ihrer Schauspiele. In: Herbert Seidler (Hg.): Festschrift. Moritz Enzinger zum 60. Geburtstag.
Innsbruck: Wagner 1953. (Schlern-Schriften 104) S.25– 52. – Anton Dörrer: Volksdichterische Charakte-
ristikausdemAhrntal. In:ÖsterreichischeZeitschrift fürVolkskunde.50(N.F.1) (1974),S.28– 66.– Otto
Kostenzer:DieZillertalerÖlträger. In:DasFenster.TirolerKulturzeitschrift14(1974),S.1451– 1457.
36 So nden sich in der wichtigen Volksliedsammlung von Süß insgesamt drei Ölträgerlieder, vgl. Maria
Vinzenz SĂĽĂź (Hg.): Salzburgische Volks-Lieder mit ihren Singweisen. Salzburg: Verlag der Mayrischen
Buchhandlung1865,S.88ff.
37 Siehe dazu die Beispiele unten bzw. auch das von SĂĽĂź aufgezeichnete Lied Dar ZillachtĂĄlar Ă–hltrĂĄgar, das
mit der Formel beginnt: „
Griaß enk Gött, ös kennt mi schun, / I bin dar Zillachtålar-Mun, / Herausse aus
Tyröl.“ (Süß,SalzburgischeVolks-Lieder,S.90).
38 Vgl.Büchner,TirolerWanderhändler,S.108f.
39 Vgl.Mair,DieÖltragerdesZillertals,S.263ff.– Konstanzer,DieZillertalerÖlträger,S.1451ff.
40 In Abb.30 das Titelkupfer zu: Die lustige Melankolie, oder der mit sich selbst allein redende, ĂĽber die vor-
gegebeneSympathie-Kraft speculierend-undnichtsumschneidendeOeltrager.Gott,undseinerKirchezu
liebausgearbeitet [...].AMberggeDrVCktVonCasparHeXengLaVber[1775].
41 Das ohne Angabe von Autor, Ort und Jahr ĂĽberlieferte, in die Mitte des 18. Jahrhunderts zu datierende
StĂĽckistvermutlichimKlosterumfeldentstanden.Gebotenwirdeinelehrhafte,moralisierendeHandlung,
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen