Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Historische Aufzeichnungen
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Page - 354 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 354 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

Image of the Page - 354 -

Image of the Page - 354 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

Text of the Page - 354 -

OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR 354 FREMDES UND EIGENES dert sind entsprechende Rollen auch in Volksschauspielen belegt.35 Die Ölträger-Figur fand auch später – bis über den deutschsprachigen Raum hinaus – weite Verbreitung undwarnochim19. Jahrhundertals (literarischer)Typusweithinbekannt.36 Grundlage des literarisierten Stereotyps waren die vor allem aus dem Zillertal stam- menden Ölträger (bzw. Olitätenhändler, Buckelapotheker oder Balsamträger), die als umherziehende Händler verschiedenartige Arzneien verkauften – hausierend oder auf Märkten.PrädestinierendfürdieAusprägungeinesTypenbildswardieauffällige,durch die spezi sche Zillertaler Tracht vergleichsweise einheitliche Erscheinung dieser Wan- derhändler, die oft auch als Laienheiler tätig waren: blauer Kittel, Tuchgamaschen, aus- ladender Hut und vor allem eine am Rücken getragene Truhe bzw. Kraxe, in der die Arznei- und Haushaltsmittel transportiert wurden. Dieser hohe visuelle Wiedererken- nungswert kommt auch in so manchen Liedern zum Ausdruck, die eingangs gerne auf die Bekanntheit des Rollen-Ich verweisen.37 Der Olitätenhandel unterlag im 17. und 18. Jahrhundert immer wieder Verboten; die Bevölkerung aber – unabhängig von so- zialer Schicht – schätzte die vagierenden Händler und ihre Mittel, leisteten die Ölträger docheinennichtzuunterschätzendenBeitragzurSicherstellungdermedizinischenVer- sorgung am Land.38 Umgekehrt stellte die Tätigkeit für die Bewohner des Zillertals vor dem Hintergrund schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen – etwa durch den Nieder- gang des Bergbaus in der Gegend – eine einträgliche Verdienstmöglichkeit dar. Bereits ausdemJahr1683isteine landesfürstlicheBefugniszumVerkaufselbstverfertigterArz- neienerhalten.39 Als literarische Figur tritt der Tiroler Ölträger40 in einer Reihe von Liedern und Theaterstücken auf, gemäß der Typencharakteristik und zur sozialen bzw. regionalen Verortung auch gerne als Dialektsprecher. Zumeist ist er als lustige Figur angelegt, mit Hanswurstanklängen in seinem Auftreten und Sprachwitz, der – wie in der Schulko- mödie Pavonius41 – so in seinem Register verharrt, dass sich auch sein ansonsten rein standardsprachlichesGegenüberzumundartlichenAnklängenverleiten lässt: 35 Vgl. Karl Mair: Die Öltrager des Zillertals. In: Tiroler Heimatblätter. Monatshefte für Geschichte, Natur- undVolkskunde11(1933),H.7/8,S.263– 265.– AntonDörrer:ZillertalerVolksschicksale,gesehenanden Schicksalen ihrer Schauspiele. In: Herbert Seidler (Hg.): Festschrift. Moritz Enzinger zum 60. Geburtstag. Innsbruck: Wagner 1953. (Schlern-Schriften 104) S.25– 52. – Anton Dörrer: Volksdichterische Charakte- ristikausdemAhrntal. In:ÖsterreichischeZeitschrift fürVolkskunde.50(N.F.1) (1974),S.28– 66.– Otto Kostenzer:DieZillertalerÖlträger. In:DasFenster.TirolerKulturzeitschrift14(1974),S.1451– 1457. 36 So nden sich in der wichtigen Volksliedsammlung von Süß insgesamt drei Ölträgerlieder, vgl. Maria Vinzenz Süß (Hg.): Salzburgische Volks-Lieder mit ihren Singweisen. Salzburg: Verlag der Mayrischen Buchhandlung1865,S.88ff. 37 Siehe dazu die Beispiele unten bzw. auch das von Süß aufgezeichnete Lied Dar Zillachtålar Öhltrågar, das mit der Formel beginnt: „ Griaß enk Gött, ös kennt mi schun, / I bin dar Zillachtålar-Mun, / Herausse aus Tyröl.“ (Süß,SalzburgischeVolks-Lieder,S.90). 38 Vgl.Büchner,TirolerWanderhändler,S.108f. 39 Vgl.Mair,DieÖltragerdesZillertals,S.263ff.– Konstanzer,DieZillertalerÖlträger,S.1451ff. 40 In Abb.30 das Titelkupfer zu: Die lustige Melankolie, oder der mit sich selbst allein redende, über die vor- gegebeneSympathie-Kraft speculierend-undnichtsumschneidendeOeltrager.Gott,undseinerKirchezu liebausgearbeitet [...].AMberggeDrVCktVonCasparHeXengLaVber[1775]. 41 Das ohne Angabe von Autor, Ort und Jahr überlieferte, in die Mitte des 18. Jahrhunderts zu datierende StückistvermutlichimKlosterumfeldentstanden.Gebotenwirdeinelehrhafte,moralisierendeHandlung,
back to the  book Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Title
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Subtitle
Eine andere Literaturgeschichte
Authors
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2019
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
652
Keywords
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Categories
Geschichte Historische Aufzeichnungen
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800