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NACHHALTIGE UND SPORADISCHE VOLKSSTEREOTYPE 361
Liesel. (hat sich indessen mit der Toilette beschäftigt und sich angestrichen, läßt sich aber mit dem
Gesichte nicht eher sehen, als jetzt, da sie den Hut, der auf den Tische lag, aufgesetzt hat.) Du
Wastel! schaumiamalan!
Wastel. Hahaha! jetzt siehstdu justaus,wieunserealteGrä n,wenns indieStadteini fahrt.52
dappisch]ungeschickt,plump Gefries]Gesicht (häu gabwertend)
Der Unterschied zwischen den natürlichen`, grob-aufrichtigen Tirolern und der Wie-
ner Gesellschaft, die im Zentrum des Stückes steht, schlägt sich auch deutlich in der
Sprachenieder:WastelundseineFrausprechenstarkenDialekt,dieWienerverwenden
Standardsprache. Die regiolektale Markierung der
Tiroler` Repliken soll vor allem Di-
rektheitundUngekünsteltheitsignalisieren.GleichzeitigaberdientderDialekt imStück
auch durchaus traditionell der Markierung des sozialen Stands wobei er auch abwer-
tenden Charakter hat sowie zur Komisierung der Figuren: So spricht etwa Jodel, ein
Bediensteter von Joseph, der explizit als
dumm (S.9) bezeichnet wird, Wiener Dia-
lekt; ebenso der zwielichtige Wirt im Prater. Insgesamt wird im Stück mit der Figur des
Tiroler Wastel das alte Motiv des Bauern in der Stadt (vgl. Kap.4) auf charakteristische
Weiseumgeformt:EsgehtnunnichtumdieLächerlichmachungeinesweltfremdenTöl-
pels; das Publikum soll vielmehr am Anderssein des Protagonisten, das die bewahrte
natürliche Identität ausdrückt,
die eigene Verformung durch konventionellen, groß-
städtischen,vonderNaturisoliertenZwangkennen[lernen] 53.Die lustigeFigur`erlebt
imTyrolerWastel ihrenAufstiegzueinerrespektablenBürgersperson,derenHauptauf-
gabe nicht mehr (nur) darin besteht, Komik zu vermitteln, sondern Bodenständigkeit
und Redlichkeit Eigenschaften, die insbesondere mit dem
Tirolerischen` in Verbin-
dunggebrachtwerden.54
Lieder aus dem Stück, zumal die dialektalen, wurden schon bald nach der Urauf-
führung über Flugschriften im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet und später
auch insbesondere Die Tyroler sand often so lustig so froh in diverse Volkslied-
sammlungen aufgenommen. Sie zeichnen ein simplizistisches, reduziertes Bild einer
unschuldigenKreatürlichkeit ineinemidyllisiertenUmfeld:
DieTyroler sandoftenso lustigso froh,
Sie trinkenihrWeinelundtanzenaso
Frühlegtmansichnieder
Frühstehtmandannauf
52 Der Tyroler Wastel. Eine komische Oper in drei Aufzügen von Emanuel Schickaneder. Die Musik ist vom
Herrn Haibel Mitglied des k. k. privil. Wiedner Theaters. Leipzig bei August Geers 1798. Zur Quellen-
lage siehe Andrea Brandner-Kapfer (Hg.): Der Tyroler Wastel. Eine komische Oper in drei Aufzügen von
EmanuelSchikaneder.DieMusikistvomHerrnHaibelMitglieddesk.k.privil.WiednerTheaters.Leipzig
bei August Geers 1798. Anmerkungen. Graz 2011, http://lithes.uni-graz.at/kasperls_erben/pdfs_erben/
doku_schikaneder_tyroler_wastel.pdf (letzterZugriff am14.05.2018).
53 Aust/Haida/Hein, Volksstück, S.105; vgl. ähnlich auch Ernst, Zwischen Lustigmacher und Spielmacher,
S.258f.
54 Vgl.Sonnek,Schikaneder,S.227.DanebendienenauchdieFigurenMarianeundJodel alsLiebespaarder
Nebenhandlungaufder niedrigeren` Ebene derDarstellungeinereinfachenLebensart.DiesesIdealwird
also nicht ausschließlich, wie beim Tyroler Wastel und seiner Frau, anhand von
von außen kommenden`
Figurengezeichnet, sondernauchandezidiertWienerFiguren vondeneneine Aurades Hier-bei-uns`
aus[geht], indersichdasPublikumeingeschlossenfühlt (Aust/Haida/Hein,Volksstück,S.106).
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen