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366 FREMDES UND EIGENES
gestellt werden konnten, nden sich in jenen Liedern und Erzählungen, in denen
meist im Rahmen eines ktiven Reiseberichts die verschiedenen Charakteristika un-
terschiedlicher Länder und Regionen bzw. ihrer Bewohner aufgezählt und vergleichend
gegenübergestelltwerden.NichtdieunmittelbareErfahrungundBegegnungbestimmen
das wiedergegebene Bild, sondern Attribute aus
einer Art literarischer Requisiten-
kammer, einem schriftlich xierten Fundus der geläu gen Vorstellungen von fremden
Völkern 64. Literatur war tatsächlich der eigentliche Träger nationaler und regionaler
Stereotype und sorgte für ihre Prolongierung, selbst wenn manche Attribute bereits ob-
soletgewordenwaren.Zahlreiche Nationalcharaktere`,derenKomponentensich inder
öffentlichen Meinung bis heute erhalten haben, wurden bereits in den Epithetalisten
und Poetiken der Frühen Neuzeit verzeichnet und somit für die Literatur verfügbar ge-
macht, wobei Fremd- und Eigenzuschreibungen weniger differieren, als man vermuten
würde.65 WasunsanStererotypeninderLiteraturvor1800begegnet,sindEigenschafts-
konglomerate,dieihrMaterialausStändeklischeesebensogewinnenkönnenwieausder
Humoraltypologie oder aus extrapolierten Individualcharakteren und diese Attribute
ethnisieren bzw. regionalisieren.66 In der komischen Literatur spielen darüber hinaus
auch die kirchlichen Sündenkataloge, die von lässlichen bis himmelschreienden` Ver-
fehlungenreichten,einewesentlicheRolle.
Besondersbeliebt scheint imösterreichischenRaumdasReisescherzlied Jetztbin ich
mir schon satt gnug graist gewesen zu sein, das uns in je zwei gedruckten bzw. hand-
schriflichen Fassungen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts überliefert ist, aber durchaus
älter sein könnte. In diesem Lied berichtet ein Sprecher aus dem Wiener Raum von
seiner Reise durch Mitteleuropa und gibt dabei (oftmals bis heute geltende) Vorurteile
undRessentimentszumBesten.Wieder inNiederösterreichangekommenundkurzvor
dem Ende seiner Fahrt rekapituliert er die verschiedenen Stationen: Zunächst war er
längere Zeit bei den Steirern, auf deren Kochkünste und körperliche Defekte er be-
sonders genau eingeht, ein ähnliches Bild zeigt sich in Kärnten, dann gehts zu den
bitterarmen Windischen, den verbrecherischen Krainern, den eifersüchtigen Welschen,
den eitlen Franzosen, den stock schessenden Holländern, den standardsprechenden
Sachsen, den eselhaften Schlesiern, den diebischen Böhmen, den feigen und verlausten
Schwaben, den versauten Bayern, den viehverschneidenden Salzburgern, den schuss-
gewaltigen Tirolern, den versoffenen Oberösterreichern, den türkischbeein ussten Un-
garn,umschließlichwiederbeidenniederösterreichischen Fläschl-Tragern` zu landen.
Viele der negativen Zuschreibungen nden wir leicht variiert auch in anderen dialek-
talenArbeitenwieder.
ImFolgendenistdieälterederFlugschriftfassungenwiedergegeben,aufderauchder
zweite Druck fußen dürfte, der manche Schreibung modernisiert, aber dabei auch ko-
mische Feinheiten nivelliert, so etwa den bis heute beliebten Scherz, was zwischen den
niederösterreichischenStädtenSteinundKrems liege:
64 FranzK.Stanzel:Europäer.Ein imagologischerEssay.2., aktual.Au .Heidelberg:Winter1998,S.18.
65 Vgl.Florack,BekannteFremde,S.66.
66 Vgl.Stanzel,Europäer,S.21.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen