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FENSTERLN, GASSLGEHEN, WERBEN IN LIED UND SCHAUSPIEL 529
Wilhelm die Strafen, mahnt allerdings zur Besserung und resümiert: also mus man
denenbaurenmores lehrnen 112.
Die Handlung mag manchem bekannt vorkommen: Es ist eine simpli zierende Be-
arbeitung von Andreas Gryphius' Scherzspiel` Die geliebte Dornrose (1661), eines der
bedeutendsten Werke der deutschen Dialektkunst. Von wem die gut ein Jahrhundert
jüngere, handschriftlich und anonym überlieferte bairisch-österreichische Adaption
stammt, ist ungeklärt. Bisweilen wird sie Joseph Felix von Kurz zugeschrieben,113 doch
lässtsichdiesnichtstichhaltigveri zieren.DasStückkomprimiertdievierAktederVor-
lage zu einem und ersetzt den schlesischen Dialekt des Ursprungstextes duch ein lokal
angepasstes Idiom wenn auch, wie so oft, nicht in stringent realisierter Notation und
mitdurchauswidersprüchlichenEinsprengseln.114RelativnaheanderVorlagebleibtdie
BearbeitungzuBeginn,wodieNachbarschaftsaggressioneninregelrechteSchädigungs-
wutausarten,anderGörgelsGlückzuzerschellendroht.DabeiistdieStreitepisodenicht
nur handlungsrelevanter Hintergrund, sondern auch brachial-komisches Element, des-
senburleskeZügedenSchauspielernGelegenheitgab, in ihremRollenfachzubrillieren.
Um die textuellen Umarbeitungen, vor allem aber die Übertragung vom schlesischen
in einen ostmittelbairischen Dialekt entsprechend einschätzen zu können, vorweg ein
kleinerAbschnittausGryphius'Vorlage:
Bartel Klotzmann bringet einen Hahn unter dem Arme mit sich / welchem der Fuß entzwey ge-
schmissen.
Bartel. Ja es gleebts ke Mensch ufm lichten breiten Gots Boden / wos das für e Kroitze iß / wen
meensulchen leechtfertigenJhrvargaßenenNookberhott.
Gregor. OsißKlotzman!MeyVetterhawirdwideruffDurnrusesNannerasen.Jchwillabisseln
hiehingerdaBoomtratenundehürenwassedrauswardenwird.
Bartel. OMeyHaan!OmeyHaan!OduarmerHaansißkeyHaanindamgantzeFürstenthum
dardamHahnediewogehelt.
Jockeldreyecke kommet von der andern Seiten und träget einen mit sidendem Wasser verbrandten
Hund.
Jockel. Hulßderhänger. Jchekansnimmeleiden/hamachtmerdarPussendelängezevill. Jch
stecheemnochemohleMasser inBauch/dosemderdräckzurWunderaus fährt!
Gregor. NusahtwosderTeufelkon?dabrengeteDurnrusensVetterochhar.Wusenuenander
begähnensewirdsangihn.
Jockel. Meine arme Lusche! O du arme Lusche! Se han dich verbrand ase wen de e Püleweesser
werst.
Bartel. OmeyarmerHaan!danSchadenverwingestduunde ichenimmermir!
Jockel. Du arme Lusche! hett Jch doch garne weln behandeln unde bezahlen was de gefrassen
hust: wen dich die heellusen Leutte nich su getribeliret hetten. Nu ich schwere! Se hans nicht
dihre /oberwullmirgethan.
112 ÖsterreichischeNationalbibliothek,Cod.13193, f. 113r.
113 SoetwaauchimKatalogderÖNB,dieüberdaseinzigebekannteTextzeugnisverfügt (vgl. ebda., f.105r
113r).ErstmalsediertwurdedasStückbeiDavidG. John:TheGermanNachspiel in theEighteenthCen-
tury.Toronto/Buffalo/London:UniversityofTorontoPress1991,S.118 139.
114 Auchhiergehtesnichtumeinespezi scheLokalisierung,sondernvielmehrumdieDistinktionsfunktion
der Mundart an sich bzw. um eine Umsetzungsrichtlinie, die zu einer entsprechenden Realisierung auf
derBühneanimierensoll.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen