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564 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
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Istdasnit rechtähimlisch lebn
UndDoganz leichtdabei
DerfstnixumPapstundd'Pfaffengebn
BistSündundGwissenfrei;
KimstabäzuderHimmelsthür
HerbeivonLuthersland:
SospreiztderToifeldLarwendfür
Undmachtdikontrawand 16
Einunsosei's, iztwernmäschaidn
BleibndSchaaf,unddBöckallain
IztkinnändSchaaf söbössäwaidn
DäSchaafstallwird izt rain.
BleibtnurainGott, ainGlaubn: sowird
AinHirt, ainSchaafstall sein
DrumspörtmädraudingSchaaf,undHirt
ZsaminänBockstall ein.32
1,3 Znächst] kürzlich, unlängst 2,5 z'krailn] zerkratzen 2,7 väwailn] (hier:) aufhalten, verzögern 2,8 Gfräßt]
eig. (Futter-)Abfall: ärgerliche, unnütze Sache 3,8 abracht] abgeschafft 4,4 Gadern] Absperrung vor Ein- und
Durchgängen4,7plunzenvoll]vollgestopftwieeineBlunze(Blutwurst), randvoll6,1haimliBeicht]heimliche
Beichte, i.e. Ohrenbeichte (von den Protestanten lange Zeit bekämpft) 6,3 Sori] Sorge 6,4 räffens weg] weg-
räffen: ausreißen 15,7 Larwend] Bretterverschlag 15,8 kontrawand] (zu franz. contrebande: Schmuggelware)
ungesetzlich16,1 wernmäschaidn]werdenwir trennen16,7 rauding] räudigen
Tatsächlich wurden in den nächsten Jahren aus Aichkirchen zumindest 23 Erwach-
sene und Kinder exuliert. Das harte Vorgehen der Behörden zeigte Wirkung bei den
verbliebenenProtestanten,dieihrenGlaubennunbiszumToleranzediktwiederimVer-
borgenenlebtenbzw.zumKatholizismuskonvertierten.Vielleichtwurde jaLindemayrs
Lied nach der Kundmachung des Toleranzpatents reaktiviert, als Flugschrift verbreitet
und so einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Dem Autor, der bis zuletzt vehement
gegen die Legitimierung der Protestanten im Habsburgerreich Stellung bezog, wurden
auch andere antilutherische Lieder zugeschrieben, die als Flugblätter im Umlauf waren.
Zwei dieser Pasquille, Ich weis was neus, was ich enk will sagn und Zu Alkofen da wol-
lens die Straßkapelln haben, teilt der protestantische Aufklärer Friedrich Nicolai (1733
1811) in seiner wirkungsmächtigen Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die
Schweiz im Jahre 1781 mit aufrichtiger Entrüstung mit. Sie sind ihm Belege dafür, dass
die Reformation in Österreich [...] das Werk des Kaisers sei und nur durch seine
unmittelbare Macht gegen die katholische Klerisey verteidigt werden könne. Diese
Schmählieder würden auf einen halben Bogen gedruckt, öffentlich verkauft, und in
vielen österreichischen Städten und Dörfern, besonders in Oesterreich ob der Ens, wo
die mehresten Protestanten wohnen, öffentlich abgesungen [...], um den Widerwillen
gegendieProtestantenzuunterhaltenundzuvermehren .33
1
Ichweiswasneus,was ichenkwill sagn,
döBauern imLandl thunsöberathschlagn,
denGlaubnthunsverlaugna, thunlutherischwern,
iwaisnötzumPlunda,wasnodrauswirdwern.
2
ZuWelsbeymGeimayrdakommenszusamm,
dathuensoseinschreibenmitTauf=undZunam,
32 Lindemayr,Dialektlieder,S.189 191,195f.
33 Friedrich Nicolai: Eine Untersuchung der Beschuldigungen, die Herr Prof. Garve wider diese Reisebe-
schreibung vorgebracht. [Anhang zu:] Friedrich Nicolai: Beschreibung einer Reise durch Deutschland
und die Schweiz, im Jahre 1781. Nebst Bemerkungen über Gelehrsamkeit, Industrie, Religion und Sitten.
12Bde.Bd.VII.BerlinundStettin:Nicolai1786,S.125.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen