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AUS DEM KONTEXT DER PREDIGTKRITIK IM JOSEPHINISMUS 577
Die heilige Beicht, und den heiligen Rosenkranz last euch nicht nehmmen, liebe Christen! aber
ihr habt halt nicht alle Tag Zeit, sagt ihr? nicht Zeit? aber Schniderhipfel, aber Saugsangl könnts
singen auf d'Nacht, mein! last's den P ferling seyn, und bett's dafür einen Rosenkranz, dan der
überwältigt d'Höllen-Schanz. Zum Beweis will ich euch ein gar auferbauliches Exempl erzählen:
IneinemgewisenFrauenkloster isteinmaleinegewiseKlosterfraugewesen,unddieistPortnerin
worden, und da ist alleweil ein junger Geistlicher dazuekommen, Sie haben von Anfang weiter
nichts Böses im Sinn g'habt, aber wie's halt geht, wenn man's Feuer zum Stroh legt, der Teufel
ist halt ein Schölm, man därf ihm halt nicht trauen, denn schaut's, nachdem's so eine zeitlang
b'ständigzusammenkommenseind,verliebenSiesichendlichgar ineinanderundwasg'schicht?
erist junggewessen,Sieist junggewessen,Sieentschliessensichalsomiteinanderauf,unddavon
zu gehen. Das ist schön, das ist brav! ich wünsch Glück auf d'Reiß, und ein schön's Wetter auf'n
Puckel,daswirdeinschönsLebenwerden,SieeinKlosterfrau,ereinGeistlicher,daßGotterbarm
wär das ein Geistlicher, wär das ein Klosterfrau! und wo werden's dan hingehen, ins Luterthum
halt, was werdens anfangen? dörft's ia nicht zweifeln, ein Lueder-Leben halt, ia, ia, es ist schon
so, Sie seyn würcklich miteinander zum Blunder g'angen, sieben ganze Jahr seinds miteinander
inderWeldherumvagiert, endlichhatdergeistloseGeistlicheseinsaubereKlosterfrau(verzeich
mirsGott! ichhätt's liebereinenSchlepsackg'nennt)sitzenlassen,undist ihrauf,unddavon.Be-
danck mich s'Truncks, wie wird ihr ietz gangen seyn? Könnt's euch's wohl einbilden, wie es bey
einem solchen Gepack gehet, Sie hat halt ihre Fleisch-Banck aufg'schlagen, und hat von ihrem
Körper g'lebt; Pfui der Schand! ist das ein Sauleben! aber wart's nur ein Bisel, wie müessen uns
nichtübereilen.Merckt'sauf,wasg'schechenist.Aufd'letzhatSiesaubergarnichtsmehrg'habt,
weill Sie ihr mit ihrem Sau-Handl nichts mehr hat verdienen können, dann durch ihr Lueder-
Leben kranck worden, und in ihrer Kranckheit ist's endlich zum Kreuz g'rochen. So gehts, wenn
man nicht mehr luedern kan, fangt man s'betten an. In Gott's Nahm, wenn's nur nicht bisweil-
len schon z'spatt wär. Aber die Andacht des H. Rosenkranz lüegt halt selten, und dieser Andacht
ist die gute Beatrix (so hat die Klosterfrau geheissen) alleweil ergeben gewessen, und so gar wi's
durchgangen ist, so hat's ihre Schlüssel der Mutter Gottes unter'n Kreuz ang'henckt, und hat
g'sagt: Mein liebe Muetter Gottes, ich hab dir bis dato treulich gedient, aber ietzt, kan ich nicht
mehr, versich du meine Portner-Dienst, ich kan's einmal nicht mehr versehen. Und die Muetter-
Gottes ist ihrem Begehren auch getreulich wilfahren, hat die Portner-Dienst die ganze Zeit, die
unsreBeatrixausgewessenist eisigversehen,dannachdemunsreLand-Streicherinwiderg'sund
wordenist,hatSiesichentschlossen,wider in ihrKlosterzuuckz'kehren,undwie'sbeymKloster
ang'langt, geht's zu der Porten hin, in Willens, sich durch Portnerin bey der gnädigen Frau mel-
den z'lassen, und um eine heilsam Straf zu bitten, und Besserung ihres Lebens zu versprechen.
Aber o Wunder über Wunder, wie die Portnerin die Thür aufmacht, überfahlt unsre Büesserin
ein Schrecken, und ein Schauder, daß Sie nicht mehr g'wust hat wo Sie ist, die Portnerin aber
geht auf Sie zue, und sagt: mein liebe Schwester, mein liebe Beatrix, sey ohne Sorgen, es weiß im
ganzen Kloster kein Mensch, daß du so lang ausg'wessen bist, ich hab unterdessen dein G'stalt
angenohmmen, hab deinen Habit anglegt, und deine Dienst versehen, nihm ietzt deine Schlissel
wider zu dir, leg deinen Habit an, es wird dir kein Mensch kein Haar krümmen, sey künftighin
frömmer,bett' eisigdeinenH.Rosenkranz,undseywidermeineDienerinwiezuvor.83
Schniderhipfel] Schnaderhüpfel, Gstanzl: kurze, gereimte alpenländische Gesangsform, zumeist im ¾-Takt,
oft auch improvisiert und mit Pointe im Wechselgesang vorgetragen Saugsangl] wie Schnaderhüpfel Port-
nerin]PförtnerinPuckel]Rückenherumvagiert]herumgezogenSchlepsack]eig.Fischnetz, imübertragenen
Sinn:liederlicheweiblichePersonBedanckmichs'Truncks]DankesformelfüreinFreigetränkFleisch-Banck]
Verkaufsstelle fürFleisch,metaphorischfürProstitution luedern]sündigen,einliederlichesLebenführenHa-
bit]Ordenstracht
Völlig zu Recht vermutet der Rezensent der Allgemeinen deutschen Bibliothek hinter
solcher Brachialrhetorik einen Spötter, der
damit die abgeschmackte Art des Kan-
83 [Anonym]: Rosenkranz-Predigt im ganzen Ernste gehalten zu Bogenhausen nächst München den 3. Oc-
tober1779vondemsogenanntenWiesenpaterausIßmaning. [o.O,o.V.]1780,S.9 13.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen