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588 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
verstärkt gesellschaftlichen Ein uss für sich forderte.114 Erster Schritt dazu war es, der
äußerst heterogenen Klasse durch eine rational begründete, allgemein verp ichtende
MoraleinGefühlderGemeinsamkeitzuvermitteln.EntscheidendeBedeutungkamhier
der belustigenden Erbauung` der Komödie zu, die Gottsched in Anlehnung an Aristo-
teles, jedoch moralpädagogisch akzentuiert, als eine Nachahmung einer lasterhaften
Handlung, die durch ihr lächerliches Wesen den Zuschauer belustigen, aber auch zu-
gleicherbauenkann 115,de niert.MoralwirddabeialseineausvernünftigenPrinzipien
deduzierbareKategoriegedacht,derenelementarenWertdie Fabel`desStücksherausar-
beiten soll. Indem ein Laster` als verstandeswidriger Bruch des moralischen Konsenses
in aller Deutlichkeit vorgeführt und als allgemeine Thorheit 116 belacht wird, kann
bürgerliche Identität über das Einvernehmen in moralischen Fragen eingeübt werden.
EinezweckungebundeneKomik,diereinunterhaltendseinwill,hatteindiesemKonzept
keinen Platz.117 Dementsprechend nden
die deutschen Narren [...] wie Hans Wurst
oder Pickelhering Gottscheds heftige Ablehnung; denn da sie kein Muster in der Na-
tur haben 118, ist das Verlachen ihres anormalen Verhaltens ohne jegliche pädagogische
Relevanz. Verlacht werden sollte in der regelmäßigen` Komödie lediglich, was von ei-
nem eingeforderten vernunftgegründeten Standard gesellschaftlichen Normverhaltens
abweicht.DasTheaterwar indiesemSinnalsErziehungsanstaltzuverstehen, inderdas
DisziplinierungsinstrumentLachenzurIdentitätsbildungfunktionalisertwerdensollte.
In Wien setzt die Debatte um die Bühnen und darüber, was diese zeigen sollen, in
den späten 1740er Jahren ein und verläuft in weiterer Folge über mehrere Jahrzehnte.
Ihr prominentester Vertreter ist Joseph von Sonnenfels, der
wirkmächtigste Poetologe
der mariatheresianisch-josephinischen Zeit 119. Nur mehr vordergründig aber betrifft
nun die Kontroverse die Ästhetik des Theaters; auch die bürgerliche Selbstde nierung
war nicht länger das vorrangige Ziel. Der Wiener Hanswurststreit` hat eine deutli-
che politideologische Note, indem
die
Verregelmäßigung` des Theaters letztlich auf
die
Verregelmäßigung` der Untertanen 120 abzielte. Die 1750er und 1760er Jahre sind
durch die Opposition von Bemühungen um die Etablierung eines regelmäßigen Thea-
ters einerseits und dem ungebrochenen Erfolg des extemporierten Spiels andererseits
geprägt. 1751 wurde von Maria Theresia im Rahmen einer Verwaltungsreform die Bü-
cher-Censur-Hofcommission` eingerichtetundsomitdieZensur zueinempotentiellen
Instrument der Aufklärung umfunktioniert 121, doch befasste sich die Kommission zu-
114 Vgl.ChristianNeuhuber:DasLustspielmachtErnst.DasErnste inderdeutschenKomödieaufdemWeg
indieModerne:vonGottschedbisLenz.Berlin:ErichSchmidt2003,S.24ff.
115 Johann Christoph Gottsched: Versuch einer Critischen Dichtkunst. Unveränderter photomechanischer
Nachdruckder4.,vermehrtenAuflage,Leipzig1751.5.,unveränderteAuflage.Darmstadt:Wissenschaft-
licheBuchgesellschaft1962,S.643.
116 Ebda.,S.640.
117 Vgl. Gottscheds Diktum:
Vieles ist auch lächerlich; wie zum Exempel die Harlekinspossen der Italiener:
aberdarumistesdochnicht lasterhaft. Ebda.,S.643.
118 Ebda.,S.654.
119 Müller-Kampel,Hanswurst,Bernardon,Kasperl, S.156.
120 Marion Linhardt: Kontrolle Prestige Vergnügen. Pro le einer Sozialgeschichte des Wiener Theaters
1700 2010.Graz:LiTheS2012. (LiTheSSonderband3)S.13.
121 Müller-Kampel,Hanswurst,Bernardon,Kasperl, S.153.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen