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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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Page - 599 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

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LITERATURSATIRISCHE DIALEKTFUNKTIONALISIERUNG 599 sich ziehen würde.157 Als Verfasser des 132 Seiten starken Pamphlets zeichnet der k- tive Tiroler Kleriker Vitus Blauroeckelius verantwortlich, der sein angeblich in Kufstein gedrucktesMachwerkdem‚ HerrnWolfgangErlenbach` (eindenZeitgenossendurchaus geläu ges Pseudonym Bodmers) widmet. Schon die ebenso langatmigen wie kurzwei- ligen Ausführungen der Dedikation und Vorrede geben ein recht plastisches Bild des bornierten Klerikers, dessen dümmliche Selbstgefälligkeit, Ahnungslosigkeit und Sin- nenlust genüsslich zelebriert werden, per derweise in hochkomischer Verzerrung des rhetorischen Duktus, wie er uns auch in den sprach- und bildmächtigsten katholischen Barockpredigtenbegegnet.AufallensprachlichenEbenenwerdenmitausgelassenerFa- bulierfreude Mündlichkeitsmerkmale verabsolutiert, Schrift- und Sozialkonventionen gebrochenunddieKunst,GedankenzuPapierzubringen,zumProblemgemacht.Noch die Einleitung zum ersten Teil ist ein Lamento über die Schreibblockade, die Blauröckel hindert, seineBriefpoetikmitetwasGeistreichembeginnenzu lassen: Drey Tag gang ich schon umer wie ein ungarischer Ochssen-Prælat, dem der Metzker mit seiner gschlieffenen Hacken-Complesanz ein klains Nota Bene fürs Sägspantriegerl gebn hat. Es geht mirhaltwieeimBudel,derdasApetitsBröckelsoschlechtnachdemverjungtenMaaß-Stababg- messenhat,daßihmdrüberinHalßiststecknbliebn,Kutz!Kutz!Kutzauß,Melackel,Kutzauß!Ja es wil halt nit ausser, das Bröckel geth weder hinterschi noch fürschi, und wan er sich ztodt kot- zet. Justimentsogethsmir.Woichseitgesterngehundsteh; sosagndLeuth:Eyumtausendgots willn, wie fallt ihr Erwürden vom Fleisch: segn ja nit anderst auß, alß wie ein gspyben Aepffel- Mändel. Und ich glaubts bey meiner Treu wol: ich hab itze schon 3. Tag und Nacht verstudiert, wie ichmeincritischTintnfäßlsollanhebn,daßeinBißl ingeniosausserkumt. Jaunddastehich wie d'Ochssen am Laimberg, und es thet mir ninx einfalln, wan ich d'Frayß krieget. Ich sinnet hinum, ich sinnet herum. Ich studiert, daß ich auß Angst mögt den Durchfall kriegn. Hilfft alles ninx. Ingenium habe ansunst wie ein Saltzstadl, spitzig bin ansunst wie ein Zwilch-Nadl. Alles umsunst. Ich betet, ich uchet, ich schmählet, ich ennet, ich stampffet, ich krohnet. Hilfft alles ninx, und wan ich an der Mauern auf kriechet, wie ein Muck: so el mir halt kain Treckl ninx ein. Wie mueß das Ding kumen? Ihr Erwürden Herr Blauröckl rantz dich auß ein Bißl, sag ich, hast jasunstEinfäll,wieeinaltCapellen. Ja ichhätthaltkainEinfall,undwanichzberstnthet.Es istmirninxanderst, alswanicheinBret fürsLochvernagelthett.Wastausentsasa,wiegethdas Ding zu? Glaub steif st bey meiner priesterlichen Weych, daß das Ding von ninx anderst herku- men thuet, alß von dem vermaledeyten Titul-Bladt. Ich hab über das ehrvergessne Tittul-Bladt 157 [FriedrichMelchiorGrimm:]VolleingeschanktesTintenfäßleinesallezeitparatseyendenBrieffSecretary, gefüllt mit kohlrueßrabenpechschwartzer Tinten wider unsre Feind, mit rother gegen unsre Freind, mit gelber voller Neyd, mit grüener voller Freud, mit brauner und mit blauer, wies d'willst, süeß vnd sauer. Das ist gründige vnd bündige Anweyßung wie man allerhand Sortimenta von netten Brief en zsammen buechstebirn kan: allen mein Kunstverwannten, critischen Secretaryen, Schmierbern, Handlangern und Aidsgenoßn auch andern Leuten, als Handwerckspürscheln, Lackeyesen, Landcramern, Bedlerrichtern etcæt. wie auch, Damasen Frauenzifern vnd in dieselben verschamerierten vnd von der Lieb hart ab- geprüegelten Gemüethern mit ein Wörtl allen vnd iden denen einmall d'Noth ankumt, ein Brief en zu schreybn, welchergestallt Sie dan alle miteinander gegenwartigs Træctatl kauffn müeßn mit großmäch- tigen Vleyß vnd Nachsinnen zsammen g ickt vnd mit etwelichen Brieff Formuln des erwürdigen Herrn AuthoriswichtigeSachesundHändelnbetreffend, insonderlichabermitcritischenDanck-undSchimpf- rBrief enauchhertzbrechendenCaresirBrieffenmitvndervergezierrathetvonR.D.VitoBlauroeckelio Theol.Mor. & S.S. Can. Candidat.Sacerdot. Kuffsteiniensi. Kuffstein auf Kosten des erwürdigen Herrn Authoris 1745. Cum permissu Superiorem. Starck verpoent daß sich keiner den Teuf reithn lasst das TræctatlnachzudruckenbeyStraffeiner jahmerlichenSchimpf rvndLästerungs-Legenddie ihmsomit- fahrnsoll,daßkainHundmehreinBißlBrodvonihmnimpt.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Title
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Subtitle
Eine andere Literaturgeschichte
Authors
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2019
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
652
Keywords
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Categories
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800