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LITERATURSATIRISCHE DIALEKTFUNKTIONALISIERUNG 605
1774 nach Jahren des freundschaftlichen Briefverkehrs miteinander gebrochen, da ihre
kunsttheoretischen Positionen Herder als Proponent des Sturm und Drang, Nicolai
als dessen rationalistischer Gegner immer mehr divergierten. Nun verhöhnt Nicolai
mitseinerParodien-SammlungHerdersAufrufzurBewahrungdesÜberlieferteninder
Herausgeber ktion: Die Lieder seien dem Dessauer Bänkelsänger Gabriel Wunderlich
abgelauscht,dernachseinerAblehnungbeiderFruchtbringendenGesellschaft1619am
unterdrückten Liedgut erstickt sei und fortan als Geist bey heyterm Mondscheyn [...]
altteutscheVolckslieder singe;niedergeschriebenhabesiederRitzmückerSchusterDa-
niel Seuberlich. Die geschickt komponierte Mischung aus 64 nach gängigen Vorlagen
gebildeten, zum Teil auch authentischen Liedern verschiedener Genres karikierte mit
überspitzt-antiquierterOrthographiedieAltertumsbegeisterungderStürmerundDrän-
ger und hatte deren Sammelbemühungen sogar einen wesentlichen Punkt voraus: Sie
präsentierte die Texte mit Melodien, darunter volksläu ge Singweisen, aber auch iden-
ti zierbare Liedkompositionen, u.a. von Johann Friedrich Reichardt.173 In einem Brief
anLessingexpliziertNicolai seineBeweggründe:
MeinAlmanachhatfreilicheinesehrernsthafteAbsicht,nemlicheinigederToren,die jetzt thun,
als ob alle Weisheit und Gelehrsamkeit nicht eines Bißchen Mutterwitzes (das sie Genie taufen),
undallePoesienichtderTyrolerundHechelträgerwertwäre,womöglich,klugzumachen,oder
diesen Herren, welche wähnen, es dürfe sich niemand an sie wagen, gerade in die Zähne zu la-
chen.174
UnterdenrustikalenLiedern,diealsWiderlegungderThesevompoetischenMehrwert
der Volksdichtung abgedruckt wurden, ndet sich auch ein pseudodialektaler Scherz-
gesang: Eyn steyrisch Lyd, von alten Weybern. Vom bairisch-österreichischen Dialekt
hatte Nicolai freilich zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung erst bei seiner Reise durch
Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781` wird er sich intensiver mit ihm auseinan-
dersetzenundsogareinkleinesIdiotikonanlegen.Dementsprechendunzulänglichsind
hier noch wie auch in einem weiteren Beitrag Wyr g'nüszen dj hymmlischen Frewden
(Nr. XIX, S.88 im 2. Jahrgang von 1778) die Versuche, einen alpenländischen mund-
artlichenTonzusimulieren:
'S isnichtsmitdenaltenWeybern,
bin frodz ichkeynehab
Liber frey 'chmir 'n jungesMaydel.
DoichFrewddarobhab.
Miff!Muff!geetsymHause,
Dengantzentagherum,
JungeMaydelgeenhaltgrade
AlteWeybergeenkrumm.
173 Vgl.u.a. JohannNikolausSchneider: InsOhrgeschrieben:LyrikalsakustischeKunstzwischen1750und
1800. Göttingen: Wallstein 2004, S.32 45. Miriam Noa: Volkstümlichkeit und Nationbuilding. Zum
Ein uss der Musik auf den Einigungsprozess der deutschen Nation im 19. Jahrhundert. Münster [u.a.]:
Waxmann2013. (PopuläreKulturundMusik8).
174 Friedrich Nicolai: Brief an Lessing vom 5. Juni 1777. In: Gotthold Ephraim Lessing: Werke und Briefe.
Bd.12: Briefe von und an Lessing 1776 1781. Hg. von Helmut Kiesel. Frankfurt a.M.: Dt. Klassiker Verl.
1994,S.82.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen