Page - 96 - in Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur - 1618–1918
Image of the Page - 96 -
Text of the Page - 96 -
96 Sektion I: Themen und Medien der Repräsentation
inszeniert wurde. In meinem Beitrag will ich der Frage nachgehen, wie das ‚Volkslied‘
zur Nationalhymne mutierte, welche Funktion dabei Melodie und Text zukam und
auf welche Weise die verschiedenen Völker des Reichs diese spezifische Musik mit der
Habsburg-Lothringischen Dynastie identifizierten. Denn bald diente die Melodie als
emotional besetztes Symbol für den Kaiser, das auch ohne dessen Anwesenheit seine
Wirkung tat und als politisches Instrument bei verschiedensten Festakten und Feier-
lichkeiten eingesetzt wurde. Der Dreischritt Präsenz – Präsentation – Re-Präsentation
scheint hier beinahe schulmäßig ausgebildet zu sein. Mich interessieren aber auch
die vielfältigen, oft versteckten Mechanismen, mit deren Hilfe Musik ein nationaler
Charakter eingeschrieben wird und sie zu einem repräsentativen, durch das Gesetz
geschützten Artefakt erhoben wird.
Ausgangspunkt meiner Untersuchung ist zunächst die bestehende Sekundärlitera-
tur – hier ist vor allem das Buch des langjährigen Leiters der Kommission für Mu-
sikforschung, Franz Grasberger, zu nennen1 –, ergänzt durch historische Zeitungsbe-
richte, die seit jüngerer Zeit an der Österreichischen Nationalbibliothek im Volltext
durchsucht werden können.2 Auf Basis dieses neu verfügbaren Materials kann erst-
mals konkreter verfolgt werden, welche Personengruppen musiziert haben, wer das
Publikum war, wo die Kaiserhymne aufgeführt wurde und an wen sie überhaupt ge-
richtet war. Auch die Reaktion der Beteiligten und das Zusammenspiel mit anderen
repräsentativen Künsten soll thematisiert werden. Meine Darstellung wird sich auf
den Zeitraum von der Entstehung bis zur offiziellen Aufnahme des Liedes in das mi-
litärische Protokoll im Jahr 1826 konzentrieren und – nach einem großen Zeitsprung
– mit der jüngsten, sozusagen ‚posthumen‘ Repräsentation im Rahmen des Requiems
für Otto (von) Habsburg im Wiener Stephansdom im Jahr 2011 schließen.
Die historische Konstellation: Propaganda für den Krieg
Als im Herbst 1796 das Projekt ‚Kaiserhymne‘ offiziell in Angriff genommen wurde,
war der Zeitpunkt für diese Aktion politisch hochaktuell: Die Folgen der französi-
schen Revolution und die Kriegserklärung Napoleons an Österreich führten zu einer
Serie von Kriegen an verschiedenen Fronten des Habsburgerreichs. Im sogenannten
Ersten Koalitionskrieg (1792–1797) war von Anfang an das Kriegsglück auf Seiten
der Feinde und die Hoffnung Österreichs auf einen kurzen Feldzug schnell zerstört.
Neue Feldzüge konnten nur unter großen finanziellen Opfern der Bevölkerung rea-
lisiert werden, was zu Versorgungsmängeln und enormen Teuerungen führte. Auch
bäuerlicher Widerstand gegen weitere Rekrutierungen aus deren Reihen war spürbar,
die Stimmung im Volk insgesamt schlecht. Dazu kam eine gefürchtete innerpoliti-
sche Bewegung von anti-monarchistischen Freigeistern, die mit den Idealen der fran-
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918