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98 Sektion I: Themen und Medien der Repräsentation
kes an seinen guten und gerechten Landesvater vor aller Welt kund […] thun, und in
den Herzen aller guten Österreicher jenen edlen Nationalstolz […] wecken, der zur
energischen Ausführung jeder von dem Landesfürsten als nützlich erkannten Maßre-
gel unentbehrlich ist.“ Dies schien ihm „besonders in dem Zeitpunkte nothwendig[,]
wo die Jakobiner sich mit der vergeblichen Hoffnung schmeichelten, unter den guten
Wienern Anhänger und Theilnehmer [sic!] ihrer verbrecherischen Anschläge zu fin-
den.“7 Dass die bestellte Hymne tatsächlich den erklärten patriotischen Zweck voll
und ganz erfüllen würde, war zunächst nicht garantiert, wenn auch – wie wir sehen
werden – strategisch perfekt vorbereitet.
Der Kompositionsauftrag: Vom Nationallied zum ‚Volkslied‘
In demselben oben zitierten Schreiben, das an den Hofmusikgrafen Moritz Dietrich-
stein gerichtet war, wird deutlich, dass von Anfang an die englische Königshymne
– dort als „Nazionallied“ bezeichnet – das Vorbild für die in Auftrag gegebene Kom-
position war.8 God save the King ist eine alte englische Melodie, die unter der Bedro-
hung von schottischen Rebellen von Thomas Arne, Musikdirektor und Komponist
von Rule of Britannia, für Orchester bearbeitet wurde und am 28. September 1745
als musikalische Loyalitätserklärung für König George II. an der bekannten Londo-
ner Bühne Drury Lane vor großem Publikum zur Aufführung gelangte. Der Erfolg
war enorm, die Hymne musste mehrmals wiederholt werden und wurde kurz danach
auch in Covent Garden und anderen Londoner Theatern am Ende des Abends abge-
sungen.9 Ab 1749 erklang sie bei öffentlichen Auftritten des Königs, wurde aber erst
allmählich im Verlauf der Regierungszeit von George III. (1760–1801) als offizielle
englische Nationalhymne anerkannt.10 Im Gegensatz zum französischen Revolutions-
lied der Marseillaise ist sie eine monarchische Hymne.11 Dass die englische Melodie
in den 1790er-Jahren ihren Weg nach Deutschland fand und für den Preußenkönig
Friedrich Wilhelm II. mit den Worten „Heil dir im Siegerkranz“ adaptiert wurde,
mag ein weiteres, stilles Argument für die Wahl der Vorlage gewesen sein. Immerhin
war Preußen erster Koalitionspartner in dem laufenden Krieg gegen Napoleon.12
Die Wahl des Dichters für den neuen österreichischen Hymnentext fiel auf Lorenz
Leopold Haschka, einen kriegsbegeisterten konservativen Hofpoeten. Er hatte sich
als patriotischer Gelegenheitsdichter bereits mehrfach bewährt. Auch zum Auszug ei-
nes im Herbst 1796 zusammengestellten Wiener Freiwilligen-Korps, das zur Verstär-
kung der Truppen nach Mantua entsendet wurde, leistete er zwei poetische Beiträge,
die im Sinne Sauraus die Kriegsbegeisterung im Volk schürten.13 Haschkas Aufgabe
war es offensichtlich, den englischen Hymnentext für den österreichischen Kaiser zu
adaptieren, was er auftragsgemäß erledigte. Anstelle von „God save the King / God
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918