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108 Sektion I: Themen und Medien der Repräsentation
Die Zeitungen berichteten, dass das Lied immer wieder auch in Kirchen, wäh-
rend einer Messfeier oder unmittelbar im Anschluss daran, erklungen ist, gerne in
Verbindung mit dem Te Deum. Auf dem Land sowie in Städten an der Peripherie
des Kaiserreichs ersetzte der Messgesang die Aufführung im Theater, oft begleitet von
einem dekorierten Kaiserbildnis. Beispielhaft sei eine Siegesfeier in der Pfarrkirche
von Brody (Galizien) genannt, von der in der Lemberger Zeitung Folgendes berichtet
wird:
„Am gestrigen Tage wurde dem Allmächtigen für den glorreichen Sieg […]
ein feierliches Dankopfer gebracht. Nachdem sich sämmtliche k. k. Behörden,
der Magistrat, der Handelsstand, die Bürgerschaft mit ihren Fahnen, und die
Schulen in die Pfarrkirche begeben, in welcher das Bildnis Sr. Majestät unseres
allergnädigsten Landesvaters auf eine anvassende [sic!] Art schön dekoriert auf-
gestellt war, so wurde daselbst bey einer von Dilettanten eingeleiteten, mit vie-
ler Präzision vorgetragenen Vokal- und Instrumental=Musik das Hochamt und
eine der Feier dieses Tages angemessene Predigt gehalten, das Tedeum so wie das
Lied: ‚Gott erhalte Franz den Kaiser‘, von allen Anwesenden abgesungen, und
auf solche Art dieses feierliche Dankopfer beschlossen.“47
Diese Verquickung von Politischem mit Religiösem wurde schon früh institutiona-
lisiert. Bereits drei Tage nach Kaiser Franzens Geburtstag – am 15. Februar 1797
– fand im Stephansdom eine organisierte Massenhochzeit statt. Vierundzwanzig
minderbemittelte Bürgertöchter wurden auf Kosten eines britischen Grafen einge-
kleidet, mit Aussteuer und 500 Gulden ausgestattet und unter dem Beistand von
Regierungsmitgliedern und Gräfinnen vor den Altar geführt. Beim anschließenden
gemeinsamen Mittagsmahl wurde nicht nur auf den edlen Spender, sondern auch
auf das Wohl des Kaisers und des Vaterlands angestoßen. Dazu erklang das „neue
Volkslied ‚Gott erhalte‘“ – wie es im Zeitungsbericht heißt –, „von der Regimentska-
pelle angestimmt“.48 Dieses Ereignis dokumentiert, wie früh die Volkshymne bereits
aus ihrer ursprünglichen Funktion heraustrat und unter veränderten Bedingungen
nun tatsächlich Repräsentationsfunktion einnahm. Sie stand für den nicht anwe-
senden Kaiser, der damit gleichsam ‚in den Raum‘ geholt wurde, und erfüllte damit
eine ähnliche Funktion wie ein repräsentatives Porträt. Bemerkenswert ist dabei auch
die Rolle des Militärs, eines zentralen politischen und gesellschaftlichen Pfeilers des
Habsburgerreichs. Schon allein die Tatsache, dass eine Regimentskapelle das Lied
anstimmte, gab der Musik einen offiziellen Charakter.
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918