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Vom patriotischen Volkslied zur nationalen Kaiserhymne 109
Die Repräsentationsfunktion der Hymne nach 1800
Wie bereits angedeutet, lassen die recherchierten Zeitungsnotizen erkennen, dass die
Kaiserhymne nicht erst seit der Völkerschlacht von Leipzig oder dem Wiener Kongress
Repräsentationsfunktion eingenommen hat. Schon 1808 findet sich eine Erwähnung
einer Aufführung von Gott erhalte im Zusammenhang mit der Krönung von Kaiser
Franz‘ dritter Frau Maria Ludovika zur ungarischen Königin in Preßburg, und jährli-
che Geburtstagsfeiern im Stil der Ur- und Erstaufführungen wurden in allen Reichs-
städten eine langjährige Tradition. Eine ähnliche Feierlichkeit übertrug sich bald auch
auf den Namenstag des Herrschers, der auf den 4. Oktober fiel. Den Zeitungsberich-
ten zufolge inszenierte man das Absingen der Hymne auf vielfältige Weise: Gerne
begann man mit dem Vortrag eines patriotischen Prologs, mit einem Bildnis des Kai-
sers auf der Bühne, gelegentlich auch mit einem allegorisch-nationalen Tableau, und
schloss schließlich die Feierlichkeiten mit der besagten Hymne. Das Schauspielhaus
und manchmal auch die ganze Stadt waren zu diesem Ereignis besonders hell erleuch-
tet, Kanonendonner, Trommeln und Paukenschall betonten den festlichen Charakter.
Dieses Zusammenspiel von Literatur, bildenden Künsten, Licht, Lärm und nicht zu-
letzt Musik verband die repräsentativen Künste der Zeit zu einem einzigartigen Akt
– nämlich der Demonstration der Verbundenheit des Volks mit seinem Herrscher.
Denn auch wenn die Haydn’sche Hymne in den öffentlichen Medien bereits ‚Nazio-
nal-Lied‘ genannt wurde und nicht immer vom Volk bzw. dem Publikum allein vor-
getragen, sondern von Schauspieler oder Opernsänger zumindest angestimmt wurde,
so blieb das Lied – auch wenn nationale Töne sicherlich bereits mitschwangen – in
diesen Veranstaltungen grundsätzlich immer noch ein Glückwunsch-Ständchen des
‚Volks‘, und damit immer noch ein ‚Volkslied‘ im ursprünglichen Sinn.
Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wurden mit der Hymne besonders verdienst-
volle Männer geehrt, Denkmäler eingeweiht, Schulen und ‚Kinderbewahranstalten‘
eröffnet und ein neuer Rathausturm gewürdigt. Dabei erweckt die Musik den Berich-
ten zufolge große Rührung, innige Gefühle, Freudentränen, Jubel und Vivatrufe. Im
Oktober 1822 erklang sie zur Eröffnung des Theaters an der Josefstadt, im Anschluss
an Beethovens Weihe des Hauses und gefolgt von einem passenden Schlusstableau.
Gleichzeitig diente sie aber auch immer noch als Volkshymne – etwa, wenn der Kai-
ser auf Reisen war und ihm die Bevölkerung auf der Straße mit dieser Hymne un-
mittelbar zujubelte.
Auch im k. k. Militärleben hatte sie in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhun-
derts längst ihren Platz gefunden. Sie erklang als „erhabener Choral“ in Lemberg
anlässlich einer Akademie für verwundete galizische Soldaten, bei einer Parade in
Graz anlässlich einer Friedensfeier unter lauten Vivatrufen des Volkes, und auch von
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918