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164 Sektion II: Herrscher, Staat, Nation
traggeber begründet, die sehr gegensätzliche Interessen verfolgten und sich quasi auf
den größten gemeinsamen Nenner einigen mussten: neben den lokalen Kommunen
das gesamtstaatliche Kriegsministerium und landesstaatliche (ungarische) Verwal-
tungen. Auch hier also ein Beitrag zur Repräsentationspolitik ‚von oben‘, allerdings
in einer differenzierten Zusammensetzung, in der auch gegensätzliche Auffassungen
vertreten sein konnten. Dazu gesellen sich pragmatisch wirkende Grundlagen: abge-
sehen von topographischen Abhängigkeiten eines innerstädtischen Bauplatzes und
Ansprüchen an eine zeitgemäße bauliche Stadtentwicklung auch funktionale Aspekte
wie eine etwaige zivile Nachnutzung ehemals militärischer Objekte, die einen aus-
geprägten ikonographischen Apparat nicht brauchen kann. Neben die feststellbare
motivische und bautypologische Orientierung an Wien als sinnbildlicher Verkör-
perung der Idee einer Metropole trat eine stilistische Komponente, die bemerkens-
wert neutral war, weil sie sich in jede gewünschte Richtung interpretieren ließ: die
Neorenaissance nach italienischem Vorbild als – quasi – internationaler oder inter-
national gültiger Stil, dessen Formenrepertoire zusätzlich auf so wenige Elemente
reduziert wurde (im Wesentlichen auf den Einsatz von Rustika, Gesimsgliederung
und Ädikularahmen), dass damit an jedem Ort Mitteleuropas, sei es in Böhmen oder
Ungarn oder Wien, eine nationale Aussage getroffen werden konnte – wenn man
denn so wollte, wie Hagen am Beispiel der auf Wien zentrierten Argumentationen
Albert Ilgs oder Rudolf Eitelbergers vorstellt. Mit der speziellen Stilwahl konnten
(und sollten) letztlich keine verbindlichen Aussagen getätigt werden, weil der Stil
einfach klassisch war. Daneben argumentiert Hagen, dass man sich zwar motivisch
an der Wiener Hofburg als Zentrum habsburgischer Herrschaft orientierte und so
auf Franz Joseph als Integrationsfigur der Doppelmonarchie rekurrieren konnte;
letzten Endes aber stieß man auf die Schwierigkeit, dass sich die deutschsprachige
Siebenbürger Bevölkerung aus politischen wie religiösen Gründen zunehmend am
deutschen Kaiserreich orientierte und gegen einen als ‚österreichisch‘ und ‚katho-
lisch‘ interpretierten oder interpretierbaren Stil wie den Neobarock anlaufen musste.
Daraus resultierte die letztlich uneindeutige Zwitterstellung u. a. in der Stilwahl, die
zwar nirgendwo offensichtlich aneckte, aber auch nur bedingt klare Botschaften aus-
senden konnte. Dies wird besonders deutlich an Hagens abschließendem Beispiel des
Wohnhauses des Korpskommandanten in Sibiu/Hermannstadt, das sich ganz in eine
neobarockes Formenkleid nach Wiener Vorbildern hüllen konnte, weil es offenbar
im Gegensatz zu den innerstädtischen Kasernen und Kommandogebäude die Zu-
gehörigkeit des Nutzers zu den hocharistokratischen Wiener Hofkreisen verkünden
sollte – und supranationale Vorstellungen von übergeordneter Staatsmacht demge-
genüber zweitrangig waren.
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918