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212 Sektion II: Herrscher, Staat, Nation
schlicht aus ökonomischen Erwägungen erfolgt sein, die gegen ein aufwändiges figür-
liches Skulpturenprogramm gesprochen haben mögen. Gleichwohl wurde die Attika-
balustrade des Kommandogebäudes über dem Haupteingang ursprünglich von dem
von zwei Greifen gehaltenen Wappen Franz Josephs I. bekrönt. Entsprechend könnte
die turmartig gestaltete Gebäudeecke mit der Kuppel als Wahrzeichen des Hauses
Habsburg fungiert haben, um dessen Herrschaft in der ‚Peripherie‘ der ungarischen
Reichshälfte Präsenz zu verleihen.
Um besser verstehen zu können, warum zwar ein Bau der Barockzeit zum Vorbild
für die Eckgestaltung des Korpskommandogebäudes gewählt, das Motiv dann aber in
einen anderen stilistischen Kontext eingebettet und entsprechend überformt wurde, ist
es notwendig, sich mit zeitgenössischen Bedeutungsdimensionen barocker Architektur
näher auseinanderzusetzen. Die Rezeption der Reitschulkuppel und die Vollendung
des Michaelertrakts müssen folglich im Kontext der damaligen intensiven Auseinan-
dersetzung mit der Wiener Architektur des 17. und 18. Jahrhunderts gesehen werden.
Autoren wie der dem Kaiserhaus loyal verbundene Wiener Kunsthistoriker und umtrie-
bige Publizist Albert Ilg29 proklamierten die Barockarchitektur eines Johann Bernhard
Fischer von Erlach, der als Schöpfer des ursprünglichen Entwurfs für den Michaeler-
trakt galt30, als Vorbild für die Entwicklung eines ‚nationalen‘ Stils der Habsburgermo-
narchie. Unter dem Eindruck des verlorenen Deutschen Kriegs 1866, der deutschen
Reichsgründung 1871 und einer von Ilg empfundenen preußisch-protestantischen
Kulturhegemonie sowie wachsender deutschnational-oppositioneller Strömungen in-
nerhalb der Monarchie suchte der Autor retrospektiv nach Anzeichen habsburgischer
Machtfülle und österreichischer Autonomie in der Kunstgeschichte und glaubte, sie im
Barock gefunden zu haben. Als dessen Entstehungsbedingungen nannte er habsburgi-
sche Kunstförderung, die Erfolge in den Türkenkriegen und die Gegenreformation.
Der ‚Wiener‘ bzw. österreichische Barock galt Ilg damit als dezidiert habsburgisch-dy-
nastisch, imperial und katholisch, wobei Wien als pars pro toto des Reichs fungierte.
Zugleich postulierte Ilg, dass dieser Stil dem angeblich so lebenslustigen ‚österreichi-
schen Volkscharakter‘ entspreche und, da er Elemente unterschiedlicher Herkunft zu
etwas Spezifischem vereine, das supranationale Reich repräsentieren könne. Der so
definierte Neobarock sollte zur Einung des Reichs unter Habsburgischem Regiment
beitragen und ihm im internationalen Wettbewerb Profil verleihen.31
Insofern scheint der Neobarock durchaus für Bauten der ‚bewaffneten Macht‘ prä-
destiniert, die vor dem Hintergrund der Nationalitätenkonflikte der Monarchie den
Militärangehörigen (und letztlich auch der zivilen Bevölkerung) nach dem Willen
des Kaiserhauses eine supranationale habsburgische Identität einimpfen sollte.32
Allerdings lassen sich am Hermannstädter Korpskommandogebäude (wie auch an
den Wiener Arkadenhäusern), vom prominenten Motiv der Kuppel abgesehen, prak-
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918