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K. u. k. Militärbauten als Repräsentanten der Gesamtmonarchie in der siebenbürgischen ‚Peripherie‘ 217
Debatten beherrschte. Ihre verfas-
sungsmäßig gewährte sprachliche
und kulturelle Autonomie sahen die
Nationalitäten durch eine als Mag-
yarisierung empfundene staatliche
Politik bedroht und erhofften sich
vom Monarchen in Wien Fürspra-
che. Nur vier Wochen nach dem
Besuch des Erzherzogs und der Ein-
weihung des Kommandogebäudes
überbrachte eine Gruppe politischer
Führer der Siebenbürger Rumänen,
darunter zahlreiche Hermannstäd-
ter, ein entsprechendes Memorandum an den Kaiser und wurden in der Folge durch
ein ungarisches Gericht wegen staatsfeindlicher Agitation verurteilt und inhaftiert.45
Vor dem Hintergrund dieser Konflikte wäre eine architektonische Repräsentation der
Gesamtmonarchie in den Neubauten auch als ein tagespolitisches Statement seitens
der Stadtvertretung gegenüber der ungarischen Regierung zu verstehen.
Betrachtet man die gesammelten Anhaltspunkte in der Gesamtschau, so lässt sich
im Fall des Korpskommandogebäudes durchaus konstatieren, dass sich Gesamtmon-
archie und Dynastie in dessen Baukonzept repräsentiert finden konnten – und zwar
primär durch Verweise auf Architektur in und Stilkonzepte aus der Reichshaupt- und
Residenzstadt Wien (unter Umgehung der Hauptstadt des ungarischen Staates). Die
Rezeption von Wiener Repräsentationsstrategien erfolgte nahezu ohne zeitliche Ver-
zögerungen, wurde jedoch, was nationale und konfessionelle Identitätskonzepte an-
geht, auf die örtlichen Verhältnisse abgestimmt, um integrativ auf Zivilbevölkerung
und Militär in Siebenbürgen wirken zu können. Dies geschah durch die überformende
Einbindung des zentralen Signifikants, der Eckgestaltung nach Vorbild der barocken
Winterreitschul-Nordfassade der Hofburg, in ein primär mit italienischen Renais-
sanceformen arbeitendes Gestaltungskonzept. Eine solche Neorenaissance konnte im
damaligen Kontext als konfessionell neutral aufgefasst und generell variabler gedeu-
Abbildung 8: Ernst Lindner und
Theodor Schreier, Residenz des k. u. k.
Korpskommandanten, Hermannstadt,
1902–1904.
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918